Trudy Jeremias 1925

Trudy Jeremias wurde 1925 als Trude Epstein geboren und wuchs im 13. Wiener Gemeindebezirk auf, wo sie auch zur Schule ging. Sie emigrierte mit ihren Eltern und ihrem Bruder Peter im Dezember 1938 über die Schweiz und London in die USA. Nach ihrer Tätigkeit als Bodenstewardess sowie einigen anderen Jobs, wurde Jeremias, wie ihre Mutter, die eine bekannte Innendekorateurin und Künstlerin war, Schmuckdesignerin. Nach einer kurzzeitigen Rückkehr nach Wien Ende der 1950er-Jahre zog Trudy Jeremias zurück nach New York, wo sie bis heute lebt.

Vollständiges Interview

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Trudy Jeremias
Geburtsname:
Trude Epstein
Geburtsdatum:
20. September 1925
Geburtsort:
Wien, Österreich
Personen, zu denen es einen Bezug gibt:
Fluchtroute
1938 Wien, Deutsches Reich
1938 Wolfgang (Davos), Schweiz
1938 London, Großbritannien
1939 New York City, USA
Lebensstationen
Hier sind in chronologischer Reihenfolge Orte erfasst, an denen sich die interviewte Person im Laufe ihres Lebens aufgehalten hat.
Wien, Österreich
New York City, USA
La Jolla, USA
New York City, USA
Wien, Österreich
New York City, USA
Ausbildung
Pflichtschule
Volksschule
Hietzinger Platz, 1130
Wien, Österreich
bis 1938
höhere Schule
Gymnasium (Bundesgymnasium, Bundesrealgymnasium und Wirtschaftskundliches Realgymnasium 13 (GRG 13))
Wenzgasse 7, 1130
Wien, Österreich
Pflichtschule
Grammar School
Amsterdam Avenue, 77th Street
New York City, USA
Pflichtschule
Public School
Riverdale
New York City, USA
höhere Schule
Public High School
Bronx
New York City, USA
höhere Schule
Walden School
Central Park West at 88th Street
New York City, USA
1943 bis 1947
Hochschule
Alfred University
Saxon Drive 1
New York City, USA
Beruf/Beschäftigung

in chronologischer Reihenfolge

Bodenstewardess
Reise, Freizeit, Sport / Verkehr, Transport, Zustelldienste
USA
New York City
tätig im Bereich
Reise, Freizeit, Sport
USA
New York City
Verkäuferin
Handel und Verkauf
Österreich
Wien
Sekretärin
Erziehung, Bildung
USA
New York City
Schmuckdesignerin
Kunst und/oder Kunsthandwerk
USA
New York City
Lehrerin
Kunst und/oder Kunsthandwerk / Erziehung, Bildung
USA
New York City
„Spricht über“ sind besonders interessante Passagen in den Interviews, die von der Redaktion des Austrian Heritage Archive zusammengestellt wurden.
Emigration in die USA
Erste Schulerfahrungen in den USA
Vermittlung österreichischer Kinder an amerikanische Adoptiveltern
Verhältnis zur ehemaligen Heimat
Identität
Stammtisch deutschsprachiger Emigrantinnen und Emigranten in New York City

Teil 1

 

PR: This is an Austrian Heritage Collection Interview with Trudy Jeremias, conducted by Philipp Rohrbach on July the 1st, 2008. Trudy, kannst Du mir bitte Deine Lebensgeschichte erzählen?

 

TJ: Ich bin in Wien 1925 geboren…bin in die Schule gegangen, also…in die Grammar School, jetzt weiß ich diese Worte nicht…

 

PR: Volksschule?

 

TJ: Volksschule, ja. Volksschule und auch zwei Klassen Gymnasium und…ja, habe in Hietzing gewohnt und hatte eigentlich eine sehr behütete Kindheit. Wir hatten einen großen Garten und mein Leben hat sich…ich war immer…ich habe immer Tiere sehr gerne gehabt und hatte ganze…unglaublich viele…verschiedenste Tiere. Und der Garten war mein Haupt…ich bin wenig weggekommen. Ich bin…ja, dann, wie ich in die Schule gegangen bin, natürlich, aber vorher als kleineres Kind habe ich meine ganze Zeit…also war der Garten das Wichtigste und die vielen Tiere und ich habe auch einen Bruder, der zwei Jahre älter ist und ja…was soll ich noch erzählen? Ich bin…meine Eltern haben sich sehr früh scheiden lassen. Ich weiß nicht genau, wie alt ich war, aber es war bevor ich in der Schule war. Also es muss…fünf muss ich gewesen sein. Das war ein sehr arger Schock für mich, weil ich es erstens nicht verstanden habe und auch nicht wahrhaben wollte. Ich habe es Jahre danach noch nicht wirklich akzeptiert, dass meine Eltern nicht zusammen…und sie waren auch immer…es war keine böse Scheidung und dadurch…der Vater war öfters auf Besuch da…das hat es noch schwerer gemacht es zu akzeptieren, dass die Eltern nicht zusammen…also ich bin eigentlich mit meiner Mutter und Bruder aufgewachsen. Schule war für mich…ich bin sehr ungern in die Schule gegangen, war ein schlechter Schüler, bin irgendwie immer durchgerutscht. Und, also in der…ich vergesse immer den Namen für die lower school, die…Hauptschule. In der Hauptschule hatten wir…da gab es Religionsunterricht für die christlichen und evangelischen Kinder, aber die jüdischen Kinder hatten die Stunde frei. Wir wurden ungeheuer beneidet dafür. [Lacht.] Und die wenigen jüdischen Kinder, ich weiß nicht mehr wie viele wir waren, sind dann immer zum Eissalon in Hietzing gegangen. Aber wir mussten natürlich einmal in der Woche dann privat in die jüdische Religionsstunde gehen. Aber das war das Einzige, was in meinem Leben mit jüdisch wirklich zu tun gehabt. Ich habe immer gewusst ich bin jüdisch, das war überhaupt keine Frage, es wurde nicht verneint, in keiner Weise, aber es war weder…es war niemand in meiner Familie religiös, also nicht einmal die Großeltern. Ich habe nicht einmal gewusst…ich habe schon gewusst, dass es eine Synagoge gibt, aber eigentlich…ja mein Vater ist, glaube ich, am Versöhnungstag in die Synagoge gegangen. Aber das…ich habe es nicht wirklich realisiert, was das heißt. Und wir haben einen Weihnachtsbaum gehabt, wie alle anderen und wir waren halt Österreicher, was in Österreich ja sehr, sehr oft der Fall war: dass man zwar vollkommen gewusst hat, dass man jüdisch ist, aber eigentlich so gelebt hat wie alle anderen, und, dass Religion überhaupt keine Rolle gespielt hat.

 

1/00:05:38

 

Umso mehr war natürlich dann der Schock nach dem 11. März [1938]…dass von eigentlich einem Tag zum anderen meine Schulkolleginnen nicht mit mir…mich einfach vollkommen ignoriert haben. Niemand hat mehr mit mir gesprochen und es war eine sehr unangenehme Atmosphäre. Und ich erinnere mich nicht genau, wie lange es gedauert hat, aber ich bin…in kürzester Zeit dann nicht mehr in die Schule gegangen. Ich weiß nicht, ob ich raus…ob das von der Schule ausgegangen ist, oder ob meine Mutter gefunden hat…das weiß ich nicht mehr. Ja, da muss ich noch dazu sagen, dass mein Bruder im Jahr vorher, also bevor die…vor dem ,Anschluss‘ wurde mein Bruder…nach England geschickt in eine strenge englische Schule, weil man gefunden hatte es…er hat, ich weiß nicht…hat die falschen Freunde gehabt. Man wollte ihn, also…wollte ihn von seinen Freunden…und auch die Schule war irgendwie nicht streng genug. Ich weiß nicht mehr genau die Details davon. Mit dem Resultat, dass er die ganze Nazigeschichte versäumt hat. Er ist also nicht mehr zurückgekommen. Wir haben ihn erst wieder getroffen in der Emigration. Wie ich schon früher gesagt habe, mein Leben war sehr…ganz besonders behütet, weil ich einfach, in fast einer märchenhaften Situation aufgewachsen bin. Ein Riesengarten mit vielen Tieren, und mein Interesse waren die Tiere, und ich habe nicht sehr viele, sehr wenige andere Kinder…Freunde gehabt. Die Tiere haben, glaube ich…die waren dafür substitute. Und umso mehr bin ich, also…ich erinnere mich ganz genau noch an…im Radio zugehört zu haben, wie der [Kurt] Schuschnigg abgedankt hat und es hat sich eigentlich von einem Moment zum anderen mein Leben vollkommen verändert, weil ich nur…man hat zwar sehr versucht mich fernzuhalten von all dem was vorgegangen ist, aber natürlich, die Erwachsenen waren alle sehr, sehr nervös und aufgeregt. Es hat sich alles geändert.

 

Sehr kurz nach dem Anschluss wurde mein…der Vater meiner Mutter, also mein Großvater…arretiert und nach Dachau geschickt. Er war der Direktor von einer Bank und ganz am Anfang haben sie Leute nicht nur, weil sie Juden waren arretiert, sondern sie haben gehofft, Geld zu erpressen und da haben sie also jemanden wie meinen Großvater, der eher reich war…und der war einige Monate in Dachau. Wir hatten das große Glück, dass…sehr weitläufige Verwandte hier in Amerika ganz schnell Affidavits für die ganze Familie gegeben haben und wir hätten eigentlich schon viel früher wegfahren können, aber meine Mutter weigerte sich wegzufahren, weil der Großvater in Dachau war. Und da war auch etwas ganz Erstaunliches: Sie hat irgendwie erfahren, dass es jemanden in Berlin bei der Gestapo [Geheime Staatspolizei] gibt, der bestechlich war. Und da hat…ist meine Mutter allein…hat zuerst was immer sie an Geld zusammensammeln konnte in cash mitgenommen und ist nach Berlin gefahren, um diesen Menschen aufzusuchen. Hat ihn auch getroffen, ist also alleine…in Berlin zur Gestapo gegangen und hat ihm Name und Zellblock…und genau, wo also mein Großvater in Dachau war…und hat ihm eine Summe Geld in die Hand gedrückt und ist wieder weggegangen. Und hat natürlich keine Ahnung gehabt, ob irgendetwas da rausschauen kann, weil der hätte genauso gar nichts tun können, aber der hat…war zwar bestechlich, aber war auch anständig und drei Tage darauf hat das…bei uns in Wien das Telefon geläutet und der Großvater war schon am Bahnhof. Also er hat ihn rausgelassen.

 

1/00:12:09

 

Wir haben, wie ich schon gesagt habe in einem großen Haus in Hietzing mit einem Riesengarten gewohnt und das wurde am…ich weiß nicht genau, wann, aber irgendwann im Sommer…haben wir die Verständigung bekommen, dass es also beschlagnahmt ist und wir müssen in kürzester Zeit ausziehen. Wir sind in irgendeine Pension in die Innere Stadt gezogen. Das Erstaunliche war, dass zu der Zeit…konnte man noch einen…das hat damals liftvan geheißen, also was heute ein container ist…also wir konnten unsere…wir konnten Möbel und eigentlich alles mitnehmen. Das wurde alles verpackt in diese…Riesenkiste und hat erstaunlicherweise irgendwo auf uns gewartet, was ich nie, bis heute nicht verstehe aber…weil wir sind erst…wir sind von Wien weg im Dezember [19]38. Zum Großteil wieder, weil der Großvater…er war zwar nicht mehr in Dachau, aber dann waren andere Schwierigkeiten. Man wollte ihn nicht herauslassen. Aber es ist dann geglückt.

 

PR: Und warum wollte man ihn nicht herauslassen?

 

TJ: Das weiß ich nicht. Das weiß ich leider nicht. Aber meine Großeltern sind nach uns erst…nachgekommen. Es war also irgendetwas, warum er nicht früher wegkonnte. Erstaunlicherweise…ich erinnere mich an so vieles sehr visuell oder auch gefühlsmäßig. Ich erinnere mich überhaupt nicht an die Abreise von Wien. Ich meine, wir sind in die Schweiz gefahren, das weiß ich. Aber…schätze wir sind mit dem Zug gefahren…ich erinnere mich an nichts. Es ist wirklich so, wie wenn es nie gewesen wäre. Irgendein Block da. Ja, um noch zurückzugehen auf…in der Zeit die ich in Wien war, das…ganz am Anfang war das. Ich bin selten in die Innere Stadt gekommen, aber…und wenn, war es, um die Großeltern zu besuchen. Die haben am Rathausplatz gewohnt. Und das muss noch gewesen sein bevor mein Großvater in Dachau war, denn ich erinnere mich ganz genau, dass ich mit irgendjemandem…weil allein bin ich damals noch nirgends…durfte ich nicht allein in die Stadt fahren. Dass ich am Heldenplatz…dass wir vorbeigegangen sind und, dass es ein fürchterliches Geschrei war und, dass wir stehen geblieben sind und ich scheine mich zu erinnern, dass der Hitler gesprochen hat. Ganz sicher weiß ich es nicht, aber ich erinnere mich an das Getöse, an das Schreien, an diese Stimme, diese fast kreischende Stimme und diese Horden von Menschen, die da gejubelt haben. Und das ist bis heute noch…steckt das in mir, dass ich in großen Mengen, wenn Leute anfangen – auch wenn es positiv ist – großes Geschrei zu machen, dass ich Panik…dass ich richtige Panikzustände bekomme. Irgendwie Angst habe…das beängstigt mich.

 

1/00:16:24

 

Ja, also wir sind dann über die Schweiz nach London. In London haben wir meinen Bruder wieder getroffen. Also er ist aus…von der Schule gekommen. Wir hatten ihn zwei Jahre nicht gesehen. Es war also ein großes Wiedersehen und er war sehr englisch. Er hat also nicht nur tadellos Englisch gesprochen…er hat sich sehr verändert in dieser…jedenfalls, was mich betroffen hat. Zuerst war er mir fast fremd. Ja, was war noch? Wir sind am Schiff, auf der S.S. Manhattan im Januar…Jänner [19]39, am 26. Jänner sind wir in Amerika angekommen. Ich glaube, wir sind…wir waren die einzige Familie, die mit einem Bonsaibäumchen ausgewandert ist. Meine Mutter hatte Pflanzen sehr gern und sie hatte dieses kleine Bäumchen. Und sie wollte sich von dem nicht trennen. Und für dieses Bäumchen hat sie eine spezielle Art…einen kleinen Sack gehabt mit einem Zippverschluss – das war so wie ein Gepäckstück – und das ist…überall mit uns mit. Und am Schiff ist dieses Bäumchen also in unserer Kabine gestanden und jeden Tag ist der purser hereingekommen und hat meiner Mutter versucht zu erklären…sie kann diesen…man darf keine Pflanzen nach Amerika importieren und, dass das ganz furchtbar ist, wenn man erwischt wird und sie soll doch dieses Bäumchen ins Meer werfen. Und je näher wir nach New York gekommen sind, desto intensiver hat er an ihr gearbeitet. Aber sie war nicht davon abzuhalten. Und wie vieles Komisches, Unerwartetes geschehen ist – wir sind an einem furchtbar kalten Tag angekommen und ich weiß schon nicht mehr, wer uns abgeholt. Es war also…irgendjemand war da, die uns abgeholt hat. Und wir sind also frierend auf dem Pier dagestanden und haben gewartet auf…die Zollbeamten, wie das damals war. Und da ist irgendjemand zu meiner Mutter gekommen…wir, mein Bruder und ich, sind da frierend gestanden…hat gesagt: „Is there somebody waiting for you?" Und sie hat gesagt: „Ja!” Und da hat er gesagt: „Send the children." Und gerade wie ich hinausgehen wollte, hat meine Mutter mir den…die Bäumchen-Tasche in die Hand gedrückt. [Lacht.] Und so haben wir einen Bonsai nach Amerika importiert. Illegal! [Lacht.] Und der hat noch eine…längere Zeit gelebt.

 

Ich hatte komischerweise keinerlei Vorstellung von Amerika. Ich habe…ich glaube…nichts wirklich außer Karl May gelesen gehabt, also die…aber ich weiß auch gar nicht…ich habe schon oft versucht darüber nachzudenken, ob ich irgendeine Vorstellung gehabt habe, wo wir da hinfahren. Ich meine, ich hatte natürlich das Glück, dass ich mit meiner Mutter war und meinem Bruder und auch…damals war meine Mutter schon ein zweites Mal verheiratet. Mein Stiefvater war auch mit. Also ich war in einer…in der Familie und dadurch war das Fremde nicht ganz so fremd, wie bei vielen anderen. Aber das allererste war…ich bin, glaube ich, zwei Tage nachdem wir angekommen sind…hat man mich in eine Schule gesteckt. Und das war eher arg. Ja, ich hatte etwas Englisch gelernt. Nicht in der Schule, aber meine Mutter konnte Englisch. Also ich habe geglaubt ich kann Englisch und habe natürlich sofort, wie ich in der Schule war, gemerkt, dass ich überhaupt nichts verstehe. Und die ersten paar Tage waren ganz grässlich, weil ich ganz verzweifelt immer irgendwo verloren in der Schule war und…es hat sich am…ich glaube am zweiten…also am ersten Schultag hat man mich also da in eine Klasse gesetzt und dann hat es plötzlich geläutet und alle sind in verschiedene Himmelsrichtungen verschwunden und ich bin immer irgendwo weinend herumgewandert, weil ich nicht gewusst habe, wo ich hingehöre. In Wien hatte man ein Klassenzimmer und ich war gewohnt, dass man…dass also verschiedene Lehrer kommen und…ist ganz ein anderes System.

 

1/00:22:29

 

Und am zweiten Tag hat…am ersten Tag hat…wie ich nach Hause gekommen bin, habe ich gesagt: „Ich gehe nicht in die Schule.“ Das war mir zu arg. Meine Mutter hat darauf bestanden. Bin ich also am zweiten Tag wieder gegangen und da hat sich etwas Glückliches ereignet. Ich bin neben einem Mädchen gesessen und die war Puerto Ricanerin. Sie hat nur Spanisch gesprochen, ich habe nur Deutsch gesprochen, aber wir hatten dasselbe Problem. Und dadurch war das…dieses ganze, diese wirkliche Angst vor der Schule, die also so fremd war…war in kürzester Zeit weg und ich weiß gar nicht, wie ich…in dem Alter lernt man Englisch sehr schnell, lernt man überhaupt Sprachen schnell. Und ich war natürlich in einer viel zu niedrigen Klasse zuerst. Die habe ich schnell übersprungen, bin dann in der richtigen Klasse gewesen und…die Schule war OK. [Lacht.]

 

PR: Wo war die Schule?

 

TJ: Wir haben damals am Broadway gewohnt, auf der Westside, die Schule war auf der Amsterdam Avenue, ich glaube bei der 77. War eine normale public school. Und…ja, die erste Zeit hier…ich habe hauptsächlich…ich habe immer mit meiner Mutter Deutsch gesprochen. Da jetzt mein Bruder auch da war, haben wir…wurde auch Englisch gesprochen, weil er sich von Anfang an geweigert hat Deutsch zu sprechen. Er war fünfzehn und hat sich geniert Deutsch…also wollte nicht als Deutsch sprechend angesehen werden und hat sich wirklich geweigert. Er konnte Deutsch aber…und er hat bis heute, ich meine er spricht…er kann weiter Deutsch, er versteht Deutsch und er spricht auch, aber sehr schlecht, weil er mit Gewalt das vergessen hat. Ich hingegen habe immer…nicht nur mit meiner Mutter Deutsch gesprochen. Ich war in der ganzen Schulzeit und eigentlich bis heute noch…es war immer ein gewisser Zwiespalt in mir. Ich war nie, habe mich nie als Amerikanerin gefühlt, ich war nie…ich habe nie wirklich dazugehört. Ich meine, ich habe natürlich, ich war…High School gemacht, College gemacht, während der Collegezeit habe ich nie ein Wort Deutsch gesprochen. Aber es hat mich immer nach Europa gezogen, aus unverständlichen Gründen. Ich meine, ich war…dreizehn Jahre alt. In dem Alter sollte man eigentlich…ich meine, ich kenne viele, viele andere in meinem Alter, die vollkommen amerikanisiert worden sind. Auch Amerikaner geheiratet haben und dann…aber mich hat es immer…ich wollte immer in Europa leben und es hat mich immer gezogen…oder ich war nie ganz da, sagen wir.

 

1/00:26:25

 

Etwas habe ich vollkommen vergessen, das irgendwie wichtig in meinem Leben war. Ja, also mein Großvater hat eine sehr große Rolle in meinem Leben gespielt, da der Vater nicht da war. Kurz nachdem wir hier angekommen sind…mein Vater ist…war inzwischen noch einmal verheiratet und ist auch nachher…war auch in New York. Und nicht sehr lange nachdem wir hier angekommen sind, haben mein Großvater und mein Vater beschlossen, dass wir – also mein Bruder und ich und meine Cousins, die auch hier waren – getauft werden sollen. Und das wurde also arrangiert, ich habe gar nicht viel darüber gewusst, ich habe nur gewusst: wir werden getauft. Und da mussten wir für die…mein Bruder und ich mussten eine Zeit lang in eine sunday school gehen, also, um zu lernen. Und dann eines Tages waren wir also in der Riverside Church, in der großen Kirche am Riverside Drive, und damals war der…war ein Doktor Ralf Emmerson Fossnik…hat er geheißen, ein älterer Herr. Und das Einzige was ich mich daran erinnere ist, dass wir in einer kleinen chapel gestanden sind und er Wasser…Weihwasser auf uns gesch[üttet]…und dann hat er mir ein Stück Papier gegeben und da ist draufgestanden: „For you“…dass ich jetzt ein member of the Riverside Church bin.

 

Und ich habe mich zuerst nicht sehr viel damit befasst, aber dann kurz darauf hat die…haben wieder mein Großvater und Vater – meine Mutter hatte mit alldem nichts zu tun – beschlossen, man…mein Mädchenname war Epstein, man kann nicht was…es nützt ja nichts getauft zu sein, wenn man Epstein heißt. Und so haben sie beschlossen…den Namen zu ändern. Ich hatte einen Onkel, der war vor uns schon in Amerika und der hat seinen Namen auf Elmer verändert, und dann wurde also beschlossen, der Name wird offiziell geändert. Und da hat man mich gefragt und hat mit Selbstverständlichkeit angenommen…ich hatte nie in meinem Leben „Nein“ gesagt auf etwas, braves Kind…und wie man mich gefragt hat wegen Namensänderung habe ich gesagt: „Nein.“ Ich habe mich einfach geweigert, habe gesagt: „Ich will das nicht.“ Also war große Aufregung in der Familie, weil das natürlich teilweise auch…die ganze Idee, dass man das Jüdische verneint…damit kaputt gemacht war. Und er hat gedacht, ich werde mich noch überreden lassen, aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einfach stur immer wieder gesagt: „Nein, ich will meinen Namen nicht ändern und Elmer ist außerdem ein hässlicher Name.“ „Nein“, es war immer „Nein.“ [Lacht.] Und da…war große Aufregung in der Familie, dass die Trudy „Nein“ gesagt hat. Ich bin aber dabei geblieben. Und mein armer Bruder…wir waren eine Zeit lang in derselben Schule…also, es hat natürlich die ganze Welt gewusst…nicht die ganze Welt, aber jedenfalls alle in der Schule, dass die kleine Schwester, die Trudy Epstein…ist die Schwester von Peter Elmer. Aber ich, darauf bin ich erst später gekommen…ich meine, es war wirklich nur, dass es mir unangenehm war. Und es hat auch gar nichts mit jüdisch wirklich zu tun gehabt. Es war nur, dass ich es als so falsch und so…unecht gefunden habe.

 

1/00:31:14

 

PR: Was hat deinen Großvater und deinen Vater denn dazu bewegt?

 

TJ: Ja, das…bis heute verstehe ich das nicht. Denn ich hätte es vollkommen verstanden, wenn sie das in Wien…wenn das in Wien geschehen wäre, als Schutz wegzukommen oder nicht…dass einem nichts geschieht. Ich glaube, die Idee war…das, was ihnen geschehen ist, soll uns verschont werden. Ich meine, das war die Idee dahinter, aber natürlich vollkommen am…meiner Ansicht nach am falschen Platz und ich habe das irgendwie auch meinem Großvater, den ich ganz besonders geliebt habe, irgendwie nie verziehen. Das…ich war wirklich…es hat mich mehr als geärgert, es war eine große Enttäuschung. Weil es mir irgendwie fast als feig vorgekommen ist. Und, nur um diese Geschichte fertig zu erzählen, dann, also ich…einige Jahre später bin ich auf ein College gegangen und da musste man, wenn man…am ersten Tag mussten wir alle möglichen Formulare ausfüllen. Und da ist gestanden religious preference, also welche Religion…was heute nicht mehr gemacht wird. Und ich weiß, ich bin da lange gesessen und habe überlegt: was bin ich denn eigentlich? Weil ich habe ein Stück Papier gehabt, das gesagt hat ich bin…das war Baptist, die Riverside Church. Und ich habe mich überhaupt nicht als Baptist…habe keinerlei Zusammenhang damit gehabt, nur ein Stück Papier. Und habe dann Baptist draufgeschrieben. Weil das eigentlich…das Papier hat gesagt…aber ohne es bewusst zu machen, war ich in kürzester Zeit in…befreundet mit den wenigen Juden, die in dem kleinen College waren. Es war eine ganz kleine Gruppe. Und einmal im Monat kam ein junger, sehr netter Rabbiner, ein visiting rabbi. Und nachdem ich immer mehr diese ganze Geschichte hin- und her gegrübelt habe und das…bin ich einmal zum rabbi gegangen und habe ihm meine Geschichte erzählt. Ich sagte es ist…das Ganze ist mir so unangenehm und es hat keine Bedeutung für mich und ich will das nicht. Er hat gesagt: „Du musst zurückgehen zum Mann, der dich getauft hat. Nur der kann was tun.“ Was ich auch getan habe. Das war ein bewundernswerter Mann, dieser Reverend Fossnik. Er hat sich meine Geschichte ganz ruhig angehört, hat gesagt: „Ja, ich verstehe vollkommen. Du warst zu jung, du warst…man hat das über deinem Kopf einfach gemacht und du wolltest es ja nicht und wir wollen niemanden in unserer Gemeinde haben, der das…wo das so geschehen ist.“ Und hat ganz zeremoniell meinen Namen ausgestrichen aus irgendeinem großen Buch. Es war alles…große Zeremonie. Und das Stück Papier, das ich in der Hand gehalten habe…hat er gesagt: „Would you like me to tear it up?“ Er hat es also auch eher zeremoniell zerrissen. Und ich bin ganz glücklich weggegangen.

 

Und das wirklich Komische an der ganzen Geschichte war, dass, wie ich im College dann wieder zurück war…das war also nur auf irgendeinem weekend, dass ich nach New York gekommen bin. Das nächste Mal wie der Rabbiner da war, bin ich sofort zu ihm, habe ihm das ganz freudig erzählt und er hat gelächelt und gesagt: „Weißt du, das war ja nur für dich, weil was wir von…vom jüdischen Punkt aus…von den Juden aus gesehen, hast du uns nie verlassen“, was ich gar nicht gewusst habe, weil ich eben über das Judentum überhaupt nichts gewusst habe. Und dann hat er noch gesagt, also, wenn er…wenn ich möchte, dass er irgendeine Zeremonie…zur Rückkehr zum Judentum produzieren…habe ich gesagt: „Nein, das ist ganz unwichtig.“ Und ich war ungeheuer erleichtert, das war etwas, das hat mich jahrelang fürchterlich deprimiert und geärgert und…dieses Stück Papier war mir mehr als unangenehm – weil es so unecht war, weil es so bedeutungslos war und falsch, vollkommen falsch.
Soll ich noch weiter erzählen, was ich im Rest meines Lebens getan habe? [Lacht.]

 

1/00:36:58

 

PR: Bitte, auf jeden Fall. Kannst du mir davor noch ganz kurz sagen, wann ungefähr dein Großvater und dein Vater beschlossen haben euch taufen zu lassen?

 

TJ: Das war nicht sehr lange nachdem wir…also wir sind im Jänner hier angekommen. Ich schätze das war im Februar, ich weiß es nicht. Aber es war ganz, ganz schnell. Vielleicht war es auch im März…ich weiß nicht. Es hatte schon seine Zeit gedauert, bis sie jemanden gefunden haben. Es erscheint mir so, dass…dazu muss ich noch sagen, dass wir in die sunday school gegangen sind. Ich erinnere mich ganz genau, dass mein Bruder und ich in die Riverside Church gehen mussten, um…zu lernen. Und typisch: ich sehe uns hinkommen und ich sehe uns weggehen. Ich habe keinerlei Ahnung, was sich da drin abgespielt hat, ich habe…ich weiß nicht, wer uns unterrichtet hat, ich habe…und, was umso merkwürdiger ist, weil ich mich eigentlich an alles sehr plastisch erinnere. Ich erinnere mich an…ich sehe Menschen vor mir, ich sehe wo ich war, meine Erinnerungen sind sehr platzbedingt und…aber das war also auch…das habe ich vollkommen blockiert. Und ich habe meinen Bruder sogar mal gefragt und er erinnert sich auch: „Ja, ja, wir sind in die sunday school gegangen.“ Aber er konnte mir auch nicht sagen, was da vorgegangen ist, was wir gelernt haben. Keine Ahnung.

 

PR: Dein Bruder hat sich auch wieder--

 

TJ: --viel, viel später. Der hat eine Jüdin geheiratet und die hat gefunden, dass das wirklich…dass man das…der hat das auch gemacht, aber viel, viel später. Das war gut zehn Jahre später…noch länger, wahrscheinlich.

 

PR: Und wann hast du…wann hat sich diese ganze Geschichte mit dem Rabbiner und mit--

 

TJ: --das war, also ich war im College…[19]43. Ich glaube [19]43. Ja, ich war [19]43 bis [19]47 auf der Alfred University. Den Rabbiner habe ich dann einmal…der war Rabbiner in Connecticut in Danbury und den habe ich viele Jahre danach…der war noch sehr jung damals in seinem Job…den habe ich viele Jahre danach einmal besucht in Danbury und das war sehr nett. Er hat sich sehr gefreut und ich habe mich auch sehr gefreut. Und wir haben darüber geplaudert, was das für eine Bedeutung für mich war und wie wichtig das war, dass er mich da…dass er mir zugeredet hat das zu tun. [Trinkt etwas.] Aber ich glaube, damit endet alles, was ich mit…je mit Religion zu tun gehabt habe. [Lacht.] Meine Collegezeit war…das war ein kleines College im Westen, New York State. Es war während des Krieges, wir waren hauptsächlich Frauen, die Männer waren alle…die waren alle im Krieg in irgendeiner Form. Und ich bin dorthin gegangen, weil ich irgendwie den Fußstapfen meiner Mutter nachfolgen wollte und Keramik studieren wollte.

 

1/00:41:11

 

Meine Mutter…ja, ich habe auch etwas Wichtiges vergessen. Zurück nach Wien, kann ich das? [Lacht.] Meine Mutter hat, ich glaube, wie ich neun Jahre alt war – ungefähr – beschlossen, sie will Keramik studieren und ist in die damalige…also damals hat es Kunstgewerbeschule geheißen, jetzt heißt es [Universität für] Angewandte Kunst. War also ein…einen ganzen Tag ist sie also in die Schule gegangen, hat Keramik studiert. Beim Professor Obsieger. Und nach dem ,Anschluss‘, das war gerade…das war das Ende von ihrem Studium. Also sie hätte im…ich weiß nicht, im Juni oder wann immer…hätte sie ihr Zertifikat oder was bekommen sollen, und das hat man ihr verweigert. Und sie…da wir mit unseren ganzen Möbeln und allem ausgewandert sind, hat meine Mutter auch ihre Keramikwerkstatt mitgebracht und hatte die Idee, dass sie hier mit Keramik was machen wird, was sich aber sehr bald als unmöglich erwiesen hat.

 

Ja, also dann College. Ich habe nicht sehr…ich kann nicht wirklich sehr viel über meine Collegezeit erzählen. Dadurch…ich habe eine eigenartige Karriere in der Schule, weil…es gab dort ein State College of Ceramics. Ich wollte mit Keramik was machen und habe aber in kürzester Zeit festgestellt, dass das eigentlich vollkommen unrealistisch war. Denn meine Schulkollegen haben alle eine Laufbahn auf Designer oder Industrie und so…in diese Direktion gearbeitet und das hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich wollte Töpferin sein und das war halt eine Illusion, die nicht…und nach zwei Jahren habe ich dann…es war also nicht nur eine Keramikschule, es war auch eine normale Liberal Arts Schule…und ich hatte sowieso das Gefühl, dass ich…ich bin zu einer Zeit aus Österreich aus der Schule rausgenommen worden, wo ich noch eigentlich nix [nichts] gelernt habe und dann war ein Riesenloch bis ich hier wieder in der richtigen Klasse war. Also ich habe ungeheuer viel versäumt, einfach…nicht gelernt gehabt. Und so habe ich also…die zweite Hälfte von meinem College war eigentlich nur so basic education. Sachen, die ich einfach versäumt hatte. Bis heute noch habe ich…leide ich darunter, dass ich solche großen Lücken in meiner sogenannten Bildung habe. Aber irgendwie ist es gegangen. Sogar mein…auch…ich habe die Klassiker zum Beispiel, die man in Europa mit Selbstverständlichkeit gelesen und gelernt hat…das ist an mir vorbeigegangen. Und ich habe es auch nie nachgeholt. Dazu muss ich sagen, dass ich zwar immer Deutsch gesprochen habe, aber in kürzester Zeit lesen und schreiben vergessen habe. Vollkommen! Nicht nur…ich konnte wirklich nicht lesen…Deutsch, ich habe einige Male versucht, vollkommen unmöglich gewesen. [Lacht.] Und also…es war auch dann gar nicht die Frage, sagen wir, die deutschsprachigen Klassiker zu lesen, weil ich konnte es einfach nicht.

 

1/00:46:04

 

Wie ich aus dem College…ich hatte eigentlich nie einen wirklichen Plan, was ich mit meinem Leben machen wollte. Es war nie ein bestimmtes…viele Menschen wissen genau, was sie sein wollen und was sie tun wollen und gehen in diese Richtung. Durch mein ganzes Leben geht das durch, dass sich Sachen ergeben haben. Und ich habe immer wieder irgendwie Glück gehabt, dass sich Situationen ergeben haben, wo ich…es war sehr planlos, mein Leben, sagen wir. Und das Einzige war, wie ich vom College heraus…wie ich fertig war, graduiert war, wollte ich unbedingt reisen und unbedingt nach Europa. Hatte natürlich kein Geld und habe gehört, dass man, wenn man bei einer Fluglinie arbeitet…bekommt man einen freien Flug nach einem Jahr. Und das war also der erste Sommer nach dem College und ich habe mich irgendwie in einen Job bei Sabena…dass ich den Job bekommen…also ich hatte keinerlei Erfahrung, ich hatte nichts irgendwie. Ich scheine ein guter bluff zu sein, ich konnte…ich habe irgendwas erzählt…was ich für Erfahrung habe. Und sie haben Leute gebraucht und so habe ich also einen Airline-Job gehabt. Und der hat sich als erstaunlich interessant erwiesen. Ich habe mich um die Arbeit beworben, nur, um diese Reise zu haben, sozusagen…ich war überhaupt nicht interessiert. Also ich war in Uniform, es war damals noch ein sehr kleiner Airport. Es war nicht…so wie [John F.] Kennedy [International Airport] heute, es war also ein langes Gebäude das…und man konnte also in sieben Minuten von einem Ende zum anderen Ende gehen. Und ich war also eine ground hostess für Sabena Belgian Airlines und mein Job hätte sein sollen, dass ich mich also um Passagiere kümmere und Check-In und Check-Out und…eher langweilig.

 

Und sehr bald hat sich…habe ich herausgefunden, dass fast jeden Tag Kinder angekommen sind, die…ohne Eltern, also alleine. Und Sabena war die einzige Fluggesellschaft, die das…die bereit war, unaccompanied children nach Amerika zu bringen. Und, was ich dann schnell herausgefunden habe, dass das alles Kinder aus…hauptsächlich aus Österreich, aus einem Waisenhaus waren, die hier adoptiert wurden. Die Adoptiveltern hatten die Kinder nie gesehen und auch die Kinder die Adoptiveltern nicht. Und da ich Deutsch gesprochen habe und alle diese Kinder…also es war jeden Tag zumindest eins, manchmal zwei, manchmal drei. Es waren alles junge Kinder zwischen vier und acht, würde ich sagen, soweit ich mich erinnere. Und da gab es…die wurden also am Flug behütet und entweder waren die Adoptiveltern da, um sie abzuholen oder sie mussten noch weiter nach Kalifornien geschickt werden. Und so habe ich mir eine interessante Arbeit irgendwie selbst eingerichtet. Ich habe einfach gesagt: „Ich kann doch Deutsch, ich möchte mich gerne um diese Kinder kümmern.“ Und das habe ich ein Jahr lang gemacht. Und das hat sich…das war ungeheuer interessant, teilweise auch sehr…irgendwie traurig oder…und jeden Tag war…und sehr viele Tragödien, weil ich habe nie herausgefunden, wo dieses Waisenhaus war oder ob alle von einem Platz waren. Aber man hat diesen Kindern gesagt, ihre Mutti wird sie abholen. Das waren alles Kinder, die ihre Eltern nicht gekannt…die sofort nach der Geburt ins Waisenhaus gekommen sind. Und fast jedes Kind ist mit irgendeiner illusionären Idee, wie eine Mutti aussieht…und da waren natürlich ständig Tragödien, weil es nicht…sehr oft nicht gepasst hat.

 

1/00:51:52

 

Und das Allerärgste, das ich mich erinnere, war ein…viele der Kinder waren uneheliche Kinder von amerikanischen Soldaten, die…und viele waren schwarz, manche waren braun, also alle Schattierungen, aber es waren auch sehr viele weiße Kinder…aber es waren sehr viele. Und einmal…und ich habe immer mit den Adoptiveltern, die zum Flugfeld gekommen sind…habe ich vorher mit ihnen gesprochen und da war einmal eine Frau, die war…sie war Professorin…sie war sehr schwarz, muss ich dazu sagen, sehr dunkel und war Professorin an einer südlichen Universität. Und die hat also ein Mädchen adoptiert, aus Österreich, und dieses Kind war nicht ganz so dunkel, aber ganz klar war es black. Und wie sie diese Frau gesehen hat, hat sie angefangen zu schreien: „Eine Schwarze! Eine Schwarze!“ Und da habe ich zum ersten Mal realisiert, dass die ganz jungen Kinder…dieses Kind ist aufgewachsen ohne zu wissen, dass sie…dunkel ist. Und ich habe dann nachher darüber auch recht viel gelesen. Und man weiß, dass junge Kinder nicht diskriminieren, dass ihnen das erst angelernt wird. Und das war ein ganz klarer Fall: Dieses Kind war sehr anders als die anderen Kinder um sie herum. Und sie hatte keine Ahnung, dass sie anders aussieht. Und hat sich wahnsinnig gefürchtet vor der Adoptivmutter.

 

Und es waren also unzählige solche Sachen. Ich ärgere mich bis heute noch, dass ich nicht weit genug…weiter sehen konnte, dass…ich möchte so gern heute wissen, was mit diesen Kindern geschehen ist. Ich habe ein ganzes Jahr, also es war…es waren unzählige die ich betreut habe…immer nur für ganz kurz war ich ein Teil ihres Lebens. Ich habe meine Zeit…ich musste sie also vom Flugzeug abholen und dann durch den Zoll und durch emigration und all das durchschleusen. Und sie dann entweder den Adoptiveltern vorstellen oder sie dann zu einem anderen Flug bringen. Und ich habe diese Zeit damit verbracht diese Mutti-Idee, so weit als möglich, zu ändern. Es ist mir nicht immer geglückt, aber ich habe natürlich in kürzester Zeit gewusst, dass das ganz, ganz falsch ist, dass diese Kinder…dass das nie klappen kann. Weil jedes Kind eine bestimmte Vorstellung von einer Mutti hat. Passt nicht immer.

 

1/00:55:38

 

Da waren also unzählige Geschichten, die ich einen dieser Tage mich hinsetzen werde und sie niederschreibe. Aber viel interessanter wäre gewesen, wenn ich nachforschen hätte können…einige Jahre später. Es ist mir sogar diese Idee viel zu spät gekommen. Wenn ich gleich etwas unternommen hätte, wäre es wahrscheinlich noch möglich gewesen. Viele Jahre später versucht und da war überhaupt nichts aufzufinden. Und das…ich denke heute noch…und es ist schon lange her…das war Anfang der [19]50er-Jahre…[19]49, [19]50, ja. Und ich denke heute noch manchmal daran, was aus denen geworden ist…wie das Leben weitergegangen ist für diese Kinder. Sprache ist kein Problem…aber die in ein vollkommen anderes Milieu gekommen sind. Also es nützt mir nichts mich heute zu ärgern, aber es wäre eine interessante Studie gewesen, die ich leider versäumt habe. Und ich habe es versäumt, weil ich täglich so…irgendwie so vollkommen in die täglichen…in Geschichten so eingesponnen war, dass ich gar nicht…ich habe die Distanz nicht gehabt. Und das war…es ist ja jeden Tag immer wieder was Neues gewesen. Und erst…einfach nicht daran gedacht, dass das doch interessant wäre. Ich habe schon an die Kinder gedacht aber mir ist…irgendwie ist das nicht zustande gekommen.

 

PR: Weißt du, wie lange dieses Adoptionsprogramm gegangen ist und wie das geheißen hat?

 

TJ: Ich glaube nicht, dass es geheißen…ich weiß nicht, ob das einen Namen gehabt hat. Das ist so eigenartig, weißt du, von heute gesehen, hätte ich mich natürlich erkundigt, wo dieses Waisenhaus ist. Woher kommen diese Kinder? Aber es war einfach…für mich, es war irgendwie auch nervlich oder psychologisch so ein tägliches…dass ich für diese kurze Zeit in das Leben von diesen Kindern eingeschlossen war und dann wieder weg…ich habe gar nicht daran gedacht. Ich konnte die Distanz dazu nicht haben. Jedes Mal, wenn ich darüber rede, ärgere ich mich, dass ich das…es wäre auch relativ einfach gewesen, eben das Waisenhaus ausfindig zu machen, aber…

 

PR: Wie lange hast du dort gearbeitet?

 

TJ: Also die Idee war, dass ich nach einem Jahr einen freien Flug bekomme. Ich hatte einen…mein Chef war ein junger Mann – ein Flame – den ich vom ersten Tag an eher lächerlich gefunden habe. Und ich habe mich ungeheuer bemüht ihm das nicht…dass er das nicht merkt. Denn der hatte einen großen…einen sehr verantwortlichen Job, also er war der head…ich weiß ja nicht mehr…head of operations für Sabena und war sehr jung und musste…hat so eine militärische Art gehabt. Wenn er gesprochen hat, hat er staccato gesprochen. Also, wenn er mich angesprochen hat, hat er gesagt: „Miss Epstein!“ [Schreit.] Und, dass ich ihn so lächerlich gefunden habe, war, weil ich einmal…zufällig am Weg in unser Büro ist er vor mir ins Büro gegangen und ich konnte…ich habe gesehen, wie er, bevor er die Tür aufgemacht hat, die Schultern zurück…ganz so auf…und schon schreiend in das Büro hereingekommen ist. Und das hat mich so…ich hätte am liebsten laut gelacht, habe das aber unterdrückt. Und irgendwo hat er sichtlich gemerkt, dass ich ihn nicht ernst nehme.

 

1/01:00:46

 

Und eine Woche bevor mein Jahr vorbei war, wo ich den Flug bekommen hätte sollen, habe ich ihn irgendwo am Flugfeld zufällig getroffen und er bleibt stehen – ich habe Uniform angehabt und er ist stehengeblieben – und hat gesagt: „Miss Epstein, your hat is at the wrong angle!“ Und ich habe schon gewusst, ich stelle mich mit dem nicht her und ich habe brav meine Kappe geändert. Hat alles nichts genützt und das nächste war, dass er gesagt hat: „You have no regard for your uniform, you are fired!“ Also der hat das ausgenützt, der hat sichtlich die ganze Zeit gewusst, er wird mich im letzten Moment herausschmeißen und hat es wirklich auch getan. Und ich habe meinen Flug nicht bekommen, trotzdem ich sogar…ich habe mich…ich war so böse und so verärgert, dass ich an die…dass ich nach Brüssel an die Direktion geschrieben habe und mich beklagt habe, gesagt habe, ich will gar nicht weiter da arbeiten, aber der Vertrag war, dass ich…es hat nie jemand etwas gesagt, dass ich meine Arbeit nicht gut gemacht habe und ich verlange den Flug. Und sie haben gesagt: „Nein, Sie können also nicht, wenn er das…“ Das war das Ende von meiner ersten Nicht-Reise. [Lacht.] Aber dann habe ich für ein Reisebüro gearbeitet und da habe ich ja reisen können. Da bin ich dann jahrelang immer nach Europa gefahren.
So, was soll ich noch erzählen?

 

[Übergang/Schnitt.]

 

Ende von Teil 1

 

 

Teil 2

 

Irgendwann…es ist komisch, dass man seine eigene Geschichte nicht so ganz genau weiß, was wann war. College…dann habe ich einige Jahre in einem Reisebüro gearbeitet, habe verschiedene Europareisen gemacht, bin aber nie nach Wien gefahren. Und auf einer Reise…habe ich einen Schweizer kennengelernt und es war eine lange Korrespondenz, und irgendwann haben wir beschlossen, wir werden heiraten, und ich bin in die Schweiz gezogen. Und das hat sich in kürzester Zeit als ein…als nicht sehr gut erwiesen, also ich habe in kürzester Zeit gewusst, dass das…das war ein ganz großer Fehler. Das war eine Ferien…love affair, aber nicht jemanden den ich heiraten wollte. Ein Deutsch-Schweizer. Ich war allerdings für den Rest seines Lebens…der ist jung gestorben…wir waren dann befreundet. Er ist oft hergekommen. Aber damals war das…und ich bin plötzlich in der Schweiz gesessen, und da habe ich…hier in New York, Familie und Freunde und alle haben mir abgeredet, dass ich alles abrechen, Wohnung aufgeben und in die Schweiz ziehen soll. Ich habe es trotzdem gemacht und dann bin ich also plötzlich in Zürich gesessen und wollte nicht direkt wieder nach…gleich wieder zurückkommen, musste mich erholen von alldem. Und so bin ich das erste Mal nach Wien gekommen. Teilweise, weil ich das Gefühl hatte, ich war so jung wie ich weg bin und ich habe eigentlich die Stadt überhaupt nicht gekannt – da ich in Hietzing gewohnt habe. Nichts von Wien gekannt, außer Hietzing und den Rathausplatz. [Lacht.] Oder den Prater, wo ich hier und da war.

 

Ja, und so bin ich nach Wien. Eigentlich nur um mich zu erholen, dort irgendwie Distanz zu dieser ganzen Geschichte zu haben, und ich habe mich ein paar Monate…habe bei einer Psychologin gewohnt. Sie war Jüdin, die zurückgekehrt ist nach Wien, aus England, und hatte da ein Zimmer. Die hatte einen achtjährigen Sohn, und ich hatte das Zimmer und musste mich, glaube ich, zweimal in der Woche, wenn sie irgendeinen Vortrag hatte oder irgendetwas, um den Buben kümmern. Und das war sehr angenehm da zu wohnen und dann habe ich irgend…ich glaube nach drei, vier Monaten, habe ich mich entschlossen: nein, leider, ich muss nach New York zurück. Meine ganze Familie war hier, es war…also ich hatte schon eine Schiffskarte und war… Ich muss dazu noch sagen, ich habe…es waren nur ganz wenige Leute, die ich in Wien gekannt habe. Das war ein Ehepaar, gute Freunde von meinem Vater, die ich mein ganzes Leben gekannt habe. Die waren zurückgekehrt aus Australien. Und die waren rührend, die haben sich sehr um mich gekümmert, wie ich da allein angekommen bin. Und dann war noch unser früheres Stubenmädchen, die ein Familien…die war jemand, die bei meinen Urgroßeltern angefangen hat, und dann…als letzte bei uns Stubenmädchen war. Die hat noch gelebt und die habe…bei der war ich.

 

2/00:05:00

 

Ja und in der Zeit – ich war ja nur vorübergehend da –, da hat mir jemand erzählt…irgendjemand hat mir erzählt, dass es…ein neues Musikhaus wird aufgebaut, und modern und ganz was Besonderes, und die suchen internationale…Leute. Sie wollen das ganz international machen, und hat mir zugeredet: „Geh doch da mal hin und sprich mit denen.“ Und ich war vollkommen desinteressiert…und bin halt hingegangen, weil man mir gesagt hat, ich soll…war auch neugierig. Da mir der Job vollkommen unwichtig war, war das Interview natürlich sehr gut, und schon hat man mir einen Job angeboten. Und ich habe einen Moment überlegt, und dann habe ich mir gedacht, es wartet ja nichts sehr Wichtiges auf mich in New York…ich werde es ausprobieren. Und so bin ich über zwei Jahre in Wien gewesen. Das war…das hat Musikhaus Dreiviertel geheißen, es existiert nicht mehr, es war auf der Seilergasse. Und es war wirklich genau das, was sie uns vorhergesagt haben. Es war ganz international, es waren wirklich Leute in dem Betrieb von allen Ländern und allen Sprachen, und auf sehr…das Ganze war von der Universaledition, also einer alten Wiener Musik…wie heißt das? Sheet Music, die Universaledition von den…war eine jüdische Firma, die hauptsächlich…Noten gedruckt ist das falsche Wort…ich weiß das deutsche Wort nicht. music publishers waren sie. Und die haben also…mein Chef war der Sohn von diesem, von dem Gründer der Universaledition, der in England gelebt hat. Da es ein junger Engländer war, der Boss, und wir haben…ich habe klassische Platten verkauft.

 

Ich muss noch einmal schnell zurück. Bevor ich diesen Job überhaupt annehmen konnte, musste ich eine Arbeitsbewilligung bekommen. Weil als Amerikanerin durfte ich natürlich nicht arbeiten. Und ich konnte mir eigentlich nichts ausdenken, was ich kann, das ein Österreicher nicht könnte. Aber ich bin trotzdem hingegangen, weil ich mir irgendwie gedacht habe, diese Beamten sind zumeist nicht ganz besonders gescheit oder können nicht zugeben, wenn sie was nicht wissen. Und genau das war es…das war ein eher sturer, älterer Herr. Und der hat mich gefragt: „Was bringen Sie denn aus Amerika das wir…Österreich, das es hier nicht gibt?“ Und ich habe einfach gesagt: stereophonic sound, und ich habe ihm sofort angesehen, dass er keine Ahnung hat, was das ist, und natürlich auch nicht fragen konnte: „Was ist das denn eigentlich?“, weil ich habe das auch ganz sicher gesagt, und ich glaube in meinem ganzen Leben habe ich nicht so viel Blödsinn geredet, wie in dem Interview. [Lacht.] Es war sogar etwas Wahres daran, denn der Plan für dieses Musikhaus…es war noch nicht fertig, wie sie mich engagiert haben…aber sie wollten ganz große Stereoanlagen haben, was damals in Wien noch ganz unbekannt war. Ich habe sogar nicht ganz gelogen. Aber ich habe natürlich selber keine Ahnung gehabt von Stereo…und er hat mir Arbeitsbewilligung gegeben. Weil er nicht fragen konnte, was ist denn das eigentlich? [Lacht.] So habe ich meine Arbeitsbewilligung…

 

2/00:10:10

 

                                                                                            

Und meine Kollegin mit der ich…wir waren zwei in der klassischen Abteilung, und wir haben uns in kürzester Zeit sehr angefreundet, und das ist eine lebenslängliche Freundschaft geblieben. Die war meine Freundin Elisabeth, die ist fast…jedes zweite Jahr ist sie hergekommen, und das andere Jahr bin ich nach Wien gekommen. Wir haben uns immer irgendwo getroffen und Reisen zusammen gemacht. Und auch der Betrieb in dem Musikhaus Dreiviertel war…dadurch, dass wir keinen richtigen Boss hatten – also dieser junge Engländer, der war sehr zurückhaltend, hat sich um nichts wirklich gekümmert –, konnten wir tun was wir wollten. Und so haben wir, die Elisabeth und ich, in kürzester Zeit unseren Lieblingskunden Kaffee serviert, und es war sehr…es war ein bisschen wie ein Kaffeehaus, man hat sich da auch viel von der Musikwelt…angesammelt. Damals konnte man ja noch Platten abhören, da waren so schöne…durchsichtige Kabinen, und es war für mich eine sehr positive Zeit, einerseits. Andererseits war es doch ein eigenartiges Gefühl mit so vielen…besonders im Geschäft…ich war immer ein bisschen argwöhnisch, wenn ich mit Leuten gesprochen…ich habe mir gedacht: „War der ein Nazi [Nationalsozialist]?“, also ein echter Nazi. Und im Privatleben: ich habe auf einer Insel gelebt, das war ganz klar. Ich habe ganz wenige Leute, mit denen ich verkehrte. Und mit dem Geschäft, da habe ich mir es einfach zurechtgelegt: das ist halt Business und ich kümmere mich nicht darum, wer die Leute sind. Und so ist es gut gegangen. Ich hatte nie irgendetwas…irgendwo etwas Antisemitisches damals mitgemacht, überhaupt nicht.

 

Aber [es] war eine sehr zufriedene Zeit, ich bin ins Theater gegangen, habe ein angenehmes Leben gehabt. Und nach zwei Jahren habe ich plötzlich…ich hatte immer die Herald Tribune gelesen, also doch noch das…das Englische und das Amerik[anische]…mich um die Welt gekümmert. Und dann, eines Tages, habe ich aufgehört mir die Herald Tribune zu kaufen, und habe gemütlich vor mich hingelebt und habe nur die…ich weiß nicht mehr welche Zeitung…ob es den Kurier schon damals gegeben hatte, aber…habe also nur local Zeitung…und hatte plötzlich das Gefühl: Ja, jetzt muss ich aber eine Entscheidung treffen. Wenn ich…sehr angenehm hier zu bleiben, aber ich werde vermodern. Ich hatte das Gefühl ich…die Außenwelt ist immer mehr aus meinem Horizont verschwunden – abgesehen von Kontakt mit meiner Familie. Aber ich habe mich nicht mehr für die Außenwelt…damals war Wien noch viel, viel insularer. Es war gemütlich in einer gewissen…Weise, aber wirklich – für mich wenigstens – sehr weit von der Außenwelt. Und das war der Entschluss, dass ich mich dann eines Tages einfach zusammengepackt habe und nach New York zurückgekommen bin. Weil ich genau gewusst habe, wenn ich noch länger bleibe, dann bleibe ich, weil ich mich sehr wohlgefühlt habe. [Lacht.] Aber ich glaube, es war schon der richtige Entschluss. Außerdem war die ganze Familie da und…so bin ich wieder zurückgekehrt. Aber das hat natürlich sehr dazu beigetragen, dass ich wirklich gut Deutsch spreche, und, dass ich noch mein Englisch…mein Englisch lesen und schreiben noch mehr verlernt habe. [Lacht.] Aber es hat natürlich das Gefühl, dass ich wirklich weder nach Wien, noch nach New York hingehöre, nur verstärkt. Und das ist immer bei mir geblieben…ich habe mich nie vollkommen…vielleicht in der Zeit wie ich im College war, war ich nur unter amerikanisch…das waren diese vier Jahre, aber sonst, ohne es bewusst zu tun, ich habe eigentlich…der größte Teil meiner Freunde, Bekannte, waren alles europäischer Abstammung. Das hat natürlich angefangen wie…schon wie wir hier angekommen sind, dass die Freunde von meinen…wer immer meine Mutter gekannt hat: waren alles Europäer.

 

2/00:16:09

 

Und so haben wir…ich habe immer in europäischen Kreisen verkehrt…im Gegensatz zu meinem Bruder, wo genau das Gegenteil war: der ist sehr amerikanisiert worden. Er war allerdings in der amerikanischen Armee, was natürlich auch noch dazu beigetragen hat. War…wurde merkwürdigerweise nach Wien geschickt, als Besatzungstruppe. [Lacht.] Als Amerikaner. Aber er hatte nie dieses Gefühl…er ist sehr amerikanisiert und…wie er geheiratet hat, seine Frau war viel jünger, und war eines der Kindertransportkinder, die schon sehr jung nach England gekommen ist, und sie spricht…sie wollte, nachdem das für sie ein großes Trauma war…hat sie irgendwie ihre…diese ganze Vergangenheit auch sehr blockiert, und die haben zwei Kinder, die nie Deutsch gelernt haben. Auch von ihrer heritage, von ihrer Herkunft – oder der Herkunft von meinem Bruder – eigentlich sehr wenig wissen. Bis heute noch. Einmal haben sie sich doch interessiert, und haben ein bisschen mit mir darüber gesprochen, weil sie wissen wollten. Aber mein Bruder hat eigentlich kaum europäische Freunde, alles Amerika[ner]…ist also eine ganz andere…wir sind sehr gut, wir…es hat nichts damit zu tun, dass wir uns irgendwie fremd sind, das ist eine nahe Beziehung, aber wir sind unglaublich verschieden, wie wir…wie das Leben weitergegangen ist. Und…

 

PR: Wart ihr zum selben Zeitpunkt in Wien eigentlich, dein Bruder--

 

TJ: --nein. Nein--

 

PR: --hat sich das überschnitten--

 

TJ: --der war ja bei Kriegsende, und ich war in…[19]59 bin ich nach Wien gekommen.

 

PJ: Wie lange warst du davor in der Schweiz? Von wann bis wann warst du in der Schweiz, und von wann--

 

TJ: --ganz kurz. Ich war in der Schweiz…ich weiß schon nicht mehr…ich glaube, es war eine Woche, oder vielleicht waren es zwei Wochen. Ich habe in kürzester Zeit gewusst, das war ein ganz großer Fehler. Aber dann war…was ganz Ironisches…weil, wie ich dann in Wien gelebt habe, und wie ich nach dem Interview bei…für die Arbeit im Musikhaus…da das Geschäft noch nicht fertig war, hat man mich, nachdem ich zugesagt habe zum Job, hat man mich gefragt, ob ich bereit wäre, in eine Lehre zu gehen. Weil ich habe ja nichts gewusst, ich habe ja nur…ich habe auch ganz ehrlich gesagt: „Ich bin ein guter Musikzuhörer, aber ich…von klassischer Musik…“, ich habe von Platten keinen Dunst gehabt. Ich habe gesagt: „Ja, natürlich“, und da haben sie gesagt, sie schicken mich nach Zürich in ein Plattenhaus, um da Lehrling zu sein…wo ich gerade hergekommen bin. Wo ich…ja, so war ich wieder in der Schweiz. [Lacht.] Und wieder in Zürich. Aber da war das schon längst vorbei, und es war OK. Ich habe nicht sehr viel Zeit in der Schweiz verbracht.

 

2/00:20:12

 

PR: Du hast gesagt du bist [19]59 nach Wien gekommen?

 

TJ: [19]59 bis [19]61 war ich in Wien.

 

PR: Und danach wieder zurück nach New York.

 

TJ: Dann zurück nach New York, habe hier… Was ich ganz vergessen habe, während ich in Wien war, habe ich einen Kurs inskribiert an der…Kunstgewerbeschule, da war noch…da war ein damals sehr angesehener Professor…ich wollte schon damals Schmuck machen, und habe auch schon etwas gelernt gehabt, bevor ich in die Schweiz gefahren bin. Und da ich in Wien ja eigentlich nichts zu tun gehabt habe, habe ich mir gedacht, ich werde mich in die Klasse vom Herrn Professor Maier einschreiben. Der hat so einen großen Ruf gehabt, der Herr Professor head of department…ich weiß nicht, was er da alles war. Und das hat sich auch in kürzester Zeit als ein ganz großer Fehler erwiesen, denn der war ebenso verstaubt wie vieles andere in Wien zu der Zeit. Er war sicher einmal ein sehr renommierter Schmuckdesigner, oder was immer…Lehrer. Aber erstens war er schon recht alt, wie ich in seine Klasse gekommen bin, und furchtbar autokratisch. Ich hatte genau eine Idee, was ich lernen wollte, und wir haben uns vom ersten Tag an…nicht verstanden, das ist zu wenig gesagt. Ich meine, er war vollkommen unzugänglich. Meine Sachen…was ich tun wollte, war viel zu modern, und er hat darauf bestanden ich muss alles, was er vorgeschrieben hat, ganz genau machen. Und ist in keiner Weise darauf eingegangen, was mich interessiert hat. Und ich glaube, ich habe nach drei Wochen mich ärgern, und nichts gelernt haben…habe ich mir gedacht, es ist besser im Stadtpark zu sitzen, als da zu bleiben. Und bin einfach weggegangen. Im Nachhinein habe ich mich einigermaßen über mich selber geärgert, weil ich hätte wahrscheinlich was von ihm lernen können. Aber wir…es war ein wirklicher personality conflict. Ich meine, ich war ihm zu…ich habe bestimmte Ideen gehabt, das wollte er überhaupt nicht, und ich wollte einfach nicht machen, was er mir vorgeschrieben hat. [Lacht.] Ja, so ist das auseinandergegangen.

 

Aber das war…wie ich dann zurückgekommen bin, habe ich mich also ernstlich…habe ich alle möglichen Kurse genommen, und habe angefangen aus…Schmuck zu fabrizieren, hauptsächlich. Mein Interesse waren immer die Steine, und zwar…so nah der Natur wie nur möglich. Also ich wollte…die Metallarbeit hat mich gar nicht so sehr interessiert, ich wollte für…ich habe immer Steine geliebt, und ich wollte diese Steine irgendwie in ein Schmuckstück verwandeln, ohne die Naturformen zu überwältigen oder…wenn man das so sagen kann. Und habe erst wirklich ernst damit angefangen, wie ich gelernt habe, dass man in Wachs arbeiten kann. Weil das ist sehr ähnlich wie Ton und…da ich getöpfert habe, und das Gefühl von etwas Weichem in der Hand…das Wachs war eben das Nächste zum Ton. Und dann ist das sehr schnell vorwärtsgegangen.

 

2/00:25:02

 

In dem Moment, wo ich im Wachs arbeiten konnte, und nicht im Metall…weil nicht nur, dass das Metall so hart ist, es…ich bin von Natur aus…ich bin nicht sehr gut im…ich muss etwas ausprobieren können. Ich kann nicht, wie viele Leute, einen vollkommenen Plan machen, oder eine Zeichnung und dieser Zeichnung nachgehen. Das Wachs erlaubt mir verschiedene Modelle zu machen, bis ich eins habe das mir gefällt. Und dadurch ist man viel freier, man kann ausprobieren, man hat nicht dieses Gefühl, wenn man einen falschen…wenn man mit einer Säge nur einen kleinen Fehler macht, ist das besonders…Damals habe ich in Gold gearbeitet, also war das noch umso stärker. Es hat mich befreit und dadurch…es hat mir nicht nur Vergnügen…und ich bin nie berühmt geworden damit, aber das war meine eigene Schuld, weil ich einfach nicht wollte. Ich wollte nichts mit Geschäften zu tun haben, das ganze Geschäftliche hat mich immer angewidert. Ich habe schon verkauft, und ich habe für…ich habe Privataufträge gehabt, und ich hatte eine Galerie in Long Island die mir ein…jedes Jahr oder jedes zweite Jahr eine Ausstellung gemacht hat. Das war so der Verkauf. [Räuspert sich.] Und… Ja, jetzt habe ich gerade selber nachgedacht wie…wovon habe ich denn gelebt? [Lacht.]

 

Kurz nachdem ich aus Wien zurückgekommen bin habe ich…ich wusste wirklich nicht, was ich machen werde, und mich hat jemand an eine Psychologin verwiesen, die ein kleines Institut für Kinder mit Lernschwierigkeiten hatte. Sie war eine Wienerin – emigrierte Wienerin – und dieses Institut war auf der 96. Straße, hier in der Nähe, wo ich jetzt wohne. Und dort…die hat eine Sekretärin gesucht. Und ich habe, genauso wie damals mit dem Job bei der Fluggesellschaft und auch in Wien…ich bin hingegangen und habe allerdings gleich gesagt, ich bin keine Sekretärin, ich kann weder gut tippen, ich nehme keine Stenographie, ich…und sie hat gesagt das macht alles nicht die…run the office. Und so habe ich angefangen, als sogenannte Sekretärin, Telefon beantwortet und so. Und dann, das war ein…sehr interessantes Institut, das waren Kinder…die Kinder die da hingekommen sind, waren alle nicht nur gescheit, sondern high IQ. Also haben hohe…ich weiß nicht wie das auf Deutsch heißt aber…waren begabte Kinder, die aus psychologischen Gründen nicht gelernt haben. Und das ist etwas, das es heute sicher nicht mehr gibt. Es waren also die verschiedensten Lehrer da…also teils Lehrer, teils Psychologen. Und der Versuch war, die Kinder…ihnen genug Sicherheit zu geben, dass sie also…manche konnten nicht lesen oder schreiben, oder besser gesagt haben sich geweigert…was ich sehr bald herausgefunden habe.

 

Und ich weiß nicht, wie lange ich als Sekretärin…habe ich nicht sehr lange da…es hat nicht lange gedauert, bis die Idee aufgekommen ist: ich kann mit meinen Händen alle möglichen Sachen machen, nicht nur Schmuck. Ich habe immer gebastelt, und Sachen gemacht. Da hat die Direktorin die Idee gehabt, manche der Kinder…es wäre doch gut, wenn man versuchen würde, mit den Händen…wenn ich mit ihnen arbeite, mit verschiedensten Handarbeitssachen arbeiten würde. Und das sollte ein Schritt zum…weiterlernen, also lesen und schreiben. Und zu der Zeit, das war auch, ich glaube nachdem ich ein Jahr da gearbeitet habe, bin ich in diese Wohnung gezogen, hier. Zwischendurch habe ich geheiratet, habe ich vergessen zu sagen. [Lacht.] Es geht ein bisschen kunterbunt in der Geschichte vor. [Lacht.]

 

2/00:31:02

 

Mein Mann und ich haben diese…ich habe diese Wohnung gefunden, und das war zufällig zwei Blocks weit weg von dem Institut. Ich hatte schon vorher, im Institut, mit ein paar von den Kindern ein bisschen gearbeitet, aber wie ich diese Wohnung gehabt habe, und mir ein Arbeitszimmer eingerichtet habe, sind die Kinder hierhergekommen. Für eine Stunde und ich habe…immer nur eins, es war alles…one to one. Und war ungeheuer interessant. Manche waren sehr begabt, nicht nur mit ihren Händen, sondern überhaupt. Sie waren alle…es waren keine behinderten Kinder. Ich habe…was immer sie auch nur interessiert hat, ich habe da freie Hand gehabt. Gott-sei-Dank, ich konnte mit denen in Geschäfte gehen, und Sachen besorgen und so. Besonders mit einem Buben, ich habe…ich meine, ich habe viele, aber mit dem einem, der war so ein Kind, das…ich glaube, er war sieben oder vielleicht acht. Weder gelesen, noch geschrieben. Irgendwie hat er sich in der Schule…ich weiß nicht, also mit sieben geht das noch. Aber in kürzester Zeit habe ich bemerkt, dass er eine ungeheurere artistische Fantasie hat – und was den alles interessiert hat. Und ich bin zum Beispiel mit ihm…er hat einmal gesagt, er wollte zuerst aus Ton etwas machen. Und ich habe Ton besorgt, und er hat eine Figur gemacht…eine sitzende Frau, und dazu hat er einen Stein gebraucht. Ich habe die große Terrasse schon damals gehabt, wir haben also einen Stein geholt, und diese Tonfigur, die sehr…Schultern zurück und Kopf hinauf, und eher groß war, hat er also auf den Stein gesetzt, und das war eine Frau, sichtlich. Und dann habe ich gesagt: „Well, wie wäre es wenn du jetzt noch einen Mann dazu machen würdest?“ Da hat er das ärmlichste kleine Männchen produziert…ich muss einmal schauen, ich glaube, ich habe es auch fotografiert, weil es war so unglaublich…ganz in sich hinein, so ganz…mit den Schultern ganz tief, und Kopf hinunter. Und das war sichtlich sein Zuhause.

 

Ich muss dazu sagen…ich meine, ich habe mit den Kindern gemacht was ich wollte, aber einmal in der Woche war ein…Meeting wo alle – wir alle zusammen – mit den Kindern…ich habe nicht allein…es waren immer verschiedene, die verschiedene Lehrstoffe mit ihnen gemacht haben. Die waren alle ganz…die Psychologen waren natürlich alle ganz begeistert, dass er da…seine Eltern produziert hat. [Lärm im Hintergrund.] Was sonst wahrscheinlich nie so herausgekommen, oder nach vielen Jahren… Und dieser…war unglaublich: der hat Sachen erfunden. Der hat…zum Beispiel hat er einmal gesagt: „Ja, ich möchte mit Plastik etwas machen.“ Der wollte Plastikröhrchen haben. Dann bin ich mit ihm in die Canal Street zu einem Plastikplatz gefahren, und da hat er sich alles Mögliche ausgesucht, und da habe ich zum Beispiel zum ersten Mal gesehen, dass er auch lesen kann. Weil ich habe so getan, wie wenn ich…ich habe ihn allein [ge]lassen. Und dann, wie ich ihn wiedergefunden habe, hat er schon gewusst, was er haben will, und ich habe gesagt, „Ja, gut so ist das.“ Hat er gesagt: „Oh yeah, it says“,…hat genau lesen können. [Lacht.] Das war alles psychologisch…hat sich gegen irgendetwas gewehrt. Und dieses Plastikding, das habe ich fotografiert. Der hat, wie wir dann hierher zurückgekommen sind…er wollte eine Schachtel haben, hat in diese Schachtel Löcher gemacht, und hat diese Plastikröhren da durch…auf allen Seiten so durchgesch[oben]. Dann war irgendein Guckloch, und das hat er zu einem Licht gehalten. Und dann konnte man sehen…es war eine fantastische Sache, dass das Licht durch die Plastikröhren so durchgegangen ist. Ich habe natürlich keine Ahnung gehabt. Das habe ich von ihm gelernt. [Lacht.] Und der hat lauter solche Sachen gemacht…und er hat Sachen erfunden. Dann hat er auch Schmuck mit mir…ich habe immer so ein…auch einfache Schmucksachen beigebracht. Und der hat dann Jahre nachher, nachdem er schon erwachsen war und weg war…der ist einmal wiedergekommen und war…hat zuerst einige Jahre Schmuck gemacht, und hat sich sogar Geld damit verdient. Und ist dann…der ist vollkommen OK. Der war einer der wenigen, die ich weiter verfolge, oder in Kontakt geblieben bin. Und es war sehr interessant.

 

2/00:37:48

 

Ich habe das dann aufgegeben, nachdem ich geheiratet habe. Ich habe nicht mehr sehr lange da gearbeitet, weil ich mich wirklich ernstlich mit dem Schmuck befassen wollte, und ich musste nicht mehr…ich musste keinen fulltime-job haben. Ich habe mich schon fast auserzählt. [Lacht.]

 

PR: Wie hat das Institut geheißen?

 

TJ: Educational Institute for Learning and Research. Existiert schon sehr lange nicht mehr, weil die Direktorin gestorben ist, und damit ist es…ich bin noch in Kontakt mit ein paar Leuten, die da…wo wir zusammengearbeitet haben. Es war ein Privatinstitut, die Eltern mussten dafür zahlen. Aber wir haben außerdem auch vom public school system immer einige Kinder gehabt, die besonders schwierig waren, die als scholarship cases da waren, mit denen ich auch gearbeitet habe. Ich habe immer sehr gerne mit Kindern gearbeitet…bin immer gut mit Kindern ausgekommen. Und jetzt arbeite ich mit Erwachsenen.

 

PR: Wie hat sich das denn weiterentwickelt bei dir? Du hast gesagt, dass du eben aufgehört hast bei diesem Institut, um dich dem Schmuck intensiver zu widmen?

 

TJ: Ja. Ich habe angefangen das wirklich als profession zu machen, habe weitere Kurse genommen. Hier muss man ja, nicht so wie in Europa, eine Lehre oder ein…das ist ja hier lange nicht so streng. Du kannst machen…ich kann meinen Schmuck sogar verkaufen ohne, dass…ich habe keine Kunze [Konzession], und alle diese Sachen, die viel kontrollierter in anderen Ländern…das gibt es hier nicht. Ich habe da einfach angefangen. Das Ganze hat damit angefangen, dass ich ganz primitiv Kristalle, Broschen, gemacht habe, nur mit…geklebt. Und, dass ich in ein Geschäft gegangen bin, und die haben das gesehen und haben gesagt, ich soll ihnen welche liefern, und so ist das dann…es hat sich so weiter ergeben. Ich habe Ausstellungen gehabt, habe studio open house zweimal im Jahr gemacht, dass ich hier in meinem Studio…alles ausgestellt, und Leute eingeladen habe, und das hat sich auch von Jahr zu Jahr immer wieder vergrößert, und war so ein social get-together von Freunden, Kunden, und Bekannten und…

 

2/00:41:20

 

PR: Ab welchem Zeitpunkt ungefähr hast du begonnen, das dann intensiver zu betreiben?

 

TJ: Ernstlich? Geheiratet habe ich im Jahr 1966. Ich habe schon vorher einiges gemacht, aber dann habe ich eben keinen Job – keinen fulltime-job – mehr gehabt. Ich habe dann…ich weiß jetzt nicht genau, wann ich angefangen habe zu unterrichten. Irgendwann in den [19]70er-Jahren habe ich dann auch Schmuck unterrichtet in adult education, nie…da ich keine wirkliche Abschlussprüfung oder irgendetwas hatte, konnte ich nicht in einem College unterrichten. Aber adult education nehmen einen auch ohne, dass man alle die diplomas hat. Dasselbe war auch in dem educational institute: eigentlich war ich ja gar nicht…ich hatte keine Ausbildung. Aber die Direktorin, die…intuitiv irgendwie gewusst hat, dass ich das können werde, dass ich mit den Kindern gut auskommen werde. Sie hat mich angenommen ohne, dass ich wirklich qualifiziert dafür war. Aber das ist gegangen…sehr gut gegangen. Und ich habe merkwürdigerweise nie…da ich immer ungern, oder schlecht gelernt habe…ich bin auch nie wirklich auf die Idee gekommen…weiter zu lernen. Sagen wir auch mit dem Schmuck. Ich meine, ich habe sehr viel selbst…self-taught…ich meine, ich habe ausprobiert, und ich habe schon gelernt, aber immer nur in Kursen. Nie, dass ich zwei Jahre irgendwas…ich habe keinerlei…weder in Musik, noch in Kinderpsychologie, noch in jewelry making. Ich habe keinerlei wirkliche Ausbildung. Ich habe es eher intuitiv irgendwie zustande gebracht. Ich wundere mich bis heute noch, dass…wie ich das gemacht habe. Aber ich bin irgendwo ein Lebenskünstler. [Lacht.]

 

PR: Und das ist ein Bereich in dem du nach wie vor tätig bist?

 

TJ: Ja. Jetzt, meine Hände erlauben mir…ich habe mir leider in den letzten Jahren meine Hände überarbeitet, hauptsächlich in der Schule – nicht so sehr in meinen eigenen Arbeiten, sondern mit Anfängern. Wenn man mit Anfängern arbeitet, muss man sehr viel selber vorf[ühren]…zeigen. Ich habe mir das Handgelenk, das linke Handgelenk, ganz kaputt gemacht und konnte ein paar Jahre…es wurde operiert und es ist jetzt OK, aber ich muss sehr vorsichtig sein. Und jetzt habe ich eben keine…unterrichte ich nur einen Tag, und habe keine Anfänger mehr, nur…und dadurch muss ich meine Hände nicht so viel verwenden, und ich mache auch weniger, da mich das…da ich vollkommen unambitioniert bin, komischerweise. [Lacht.] Ich wollte weder bekannt, noch berühmt, noch irgendein… Mein Mann war immer so unglücklich darüber. Der wollte so gern, dass ich einen Namen habe, dass ich also…und mir war das immer vollkommen…ich war vollkommen desinteressiert daran. Hauptsächlich auch, weil ich immer das Kommerzielle gehasst habe, und auch sogar das Verkaufen. Das war mir immer unangenehm. Es ist mir oft wahnsinnig schwergefallen, wenn ich ein Schmuckstück gemacht habe, einen Preis draufzu[zahlen]…ich meine, ich habe schon gewusst, was es mich gekostet hat, aber dann dafür…also besonders wenn…am Anfang, wenn man mit Bekannten und Verwandten zu tun hat, ist das furchtbar. Ich habe es gehasst und war deshalb auch sehr glücklich, wie ich diese Galerie gefunden habe, die mir Ausstellungen gegeben hat. Weil dann habe ich nichts damit zu tun gehabt. Ich habe es nur gemacht, die haben den Preis bestimmt und ich habe halt…konnte mittun mit dem Preis, sagen „Ja“ oder „Nein“, und ich habe mit dem ganzen Geschäftlichen nichts zu tun gehabt.

 

2/00:47:10

 

PR: Weshalb glaubst du, dass dir das so unangenehm ist, das mit dem Geschäftlichen?

 

TJ: Du, ich bin, glaube ich, nicht die Einzige. Sehr viele Leute, die künstlerisch etwas machen…es ist…ich weiß, dass es mir Geld zu verla[ngen]… Ich meine, mein Ideal war immer zu tauschen: ich habe auch mit vielen anderen Künstlern…vieles was ich besitze an Sachen, die mir wirklich…die ich sehr gern habe, waren Tauschgeschäfte. Das war mir immer das Liebste. Aber das kann man nicht immer. Und es ist irgendwie, ich weiß nicht…es ist schwer…wenn man etwas selber macht, ist man sehr verwickelt damit. Ich habe auch am Anfang Schwierigkeiten gehabt, mich zu trennen von Sachen die ich gemacht habe. Erst wie ich dann viel mehr produziert habe, dann war mal wieder was Neues da, dann konnte ich mich von dem früheren…aber ich habe selten etwas verkauft, das ich nicht schon einige Male selber getragen habe. [Lacht.] Geld hat irgendwie nicht dazu gepasst. Ich meine, ich war gezwungen, ich…es waren Jahre, wo mein Mann kaum Geld verdient hat und ich musste…da ist es…habe ich es schon gemacht, aber nicht weil ich wollte, nur weil ich musste. Und jetzt habe ich…bin ich in dem glücklichen Zustand, dass ich nicht davon anhängig bin und…ich habe auch ganz…ich sage „Nein“, wenn jemand etwas von mir…will, dass ich etwas mache das ich nicht gern mache. Ich habe also keinerlei Verantwortung mehr diesbezüglich, und es…ich sage einfach, ich bin retired. Schluss. Aber ich mache weiter für mich, für Freunde, für…weniger, aber doch. Puh…ja, das habe ich vergessen. Ich habe sicher große Teile meines Lebens ausgelassen, aber…im Moment sind sie verschwunden. [Lacht.]

 

PR: Dann Danke mal für diesen ersten Einblick.

 

2/00:50:05

 

Ende von Teil 2

 

 

Teil 3

 

PR: Gut, die erste Nachfrage, die ich an dich habe, ist bezüglich der Scheidung von deinen Eltern. Du hast gesagt, dass das ein ziemlich--

 

TJ: --traumatisch.

 

PR: --traumatisches Erlebnis war, und, dass du Akzeptanzprobleme gehabt hast. Kannst du das ein bisschen näher ausführen, was du…

 

TJ: Ja, ich weiß nur…ich weiß nicht, ob ich mich daran erinnere oder, ob mir meine Mutter das erzählt hat. Ich weiß nur, dass wie man mir gesagt hat, dass also der Vater…man hat mich natürlich angelogen. Man hat gesagt: „Ja, also er ist immer so spät nach Hause gekommen und der Weg von der Stadt nach Hietzing ist so weit, so nimmt er eine Wohnung in der Stadt und wird uns besuchen kommen.“ Man wollte mir noch mehr darüber sagen, und ich habe sofort gesagt, ich verstehe – ich habe überhaupt nicht verstanden. Ich wollte es einfach nicht wissen. Und das ist sehr lange geblieben. Ist eigentlich sogar so lange geblieben, bis mein Vater wieder geheiratet hat. Ich habe es einfach nicht wirklich verarbeitet, oder akzeptieren können. Und dann ist mir nicht viel anderes übrig geblieben, als es wahr zu haben. [Lacht.] Aber ich erinnere mich noch wie mein Vater gesagt hat…ich habe die Stiefmutter gekannt – schon vorher –, aber wie er gesagt hat, die heiraten, das war…ich habe es überhaupt nicht geglaubt, weil ich einfach eben nie wirklich akzeptiert habe, dass sie geschieden sind. Trotzdem ich inzwischen einen Stiefvater gehabt habe. Das ist einfach ausgeschlossen. Das habe ich überhaupt, in meinem ganzen Leben, ganz gut gekonnt. Das habe ich mir wahrscheinlich von damals noch angewöhnt. Genauso, wie ich die sunday school…Besuch…den Grundunterricht in der Riverside Church habe ich ja auch vollkommen ausblockiert. Keine Ahnung, was da war. Ja…das hat sicher…mein Leben sehr…jedenfalls beeinflusst.

 

PR: In welcher Hinsicht beeinflusst, glaubst du?

 

TJ: Dass sich eben dieser Mechanismus, der sich schon sehr jung bei mir eingestellt hat, diese Sachen ausschalten können, das in…manchmal sehr…auch sehr positiv sein kann. Denn zum Beispiel, wenn ich irgendeine schreckliche Nachricht erfahre oder irgendwas…sehr Aufregendes oder Schlechtes…bis heute noch tue ich das, dass ich es für den Moment ausschalte. Und mich am nächsten Tag damit befasse. Ich kann das. Das ist irgendwie…habe ich durch mein Leben durch…nicht bewusst, aber ich habe das…ich bin ein Experte darin. Und das hat mir natürlich sehr viel Aufregung erspart. Und ich bin auch…ich bin irgendwie gar kein…ich weiß nicht ob das im direkten Zusammenhang ist…ich mache mir über Sachen…ich bin kein worrier, ich mache mir keine langen Gedanken im Vorhinein von etwas: was wird sein, und bin nervös, und ta-ta-ta-ta-ta, sondern ich stelle es beiseite, bis ich mich damit befassen muss, oder will. [Lacht.] Und das ist eigentlich durchs ganze Leben gegangen. Ich habe es immer als positiv gesehen, aber es ist natürlich auch negativ, weil man viel ausschalten kann, das man einfach nicht wahrhaben will.

 

3/00:05:00

 

Ich habe auch als…schon als kleines Kind, mich nie festlegen können. Denn ich weiß, dass mein Vater mich als…da muss ich noch recht klein gewesen sein…ich wurde „Trudy-wer-ma-sehen“ [Trudy-werden-wir-sehen] genannt. Das war mein Name. Es war zwar Spaß, aber trotzdem. Weil ich habe, wenn man mich was gefragt hat – als kleines Kind – immer gesagt: „Wer [Werden] ma [wir] sehen.“ Nie gesagt: „Ja, ich will es so“, oder, dass ich Entscheidungen schon damals beiseitegeschoben [habe]. Und auch das hat sehr viel…für mich wenigstens…es hat sicher auch Negatives, aber ich empfinde es…mehr als Positives. Weil…ich lasse Sachen auf mich…an mich herankommen. Zumeist geht es irgendwie gut aus. Ich habe immer das Gefühl, wenn man sich zu sehr auf etwas…konzentriert oder verkrampft, das wird dann…das kommt dann anders, und dann ist große Tragödie, und so „wer [werden] ma [wir] sehen, es ergibt sich irgendwie.“ [Lacht.] Und so ist mein ganzes Leben. Ich habe viel Glück gehabt, dass sich so vieles irgendwie zurechtgefunden hat, in meinem Leben. Ohne, dass ich sehr viel dazu beigetragen habe.

 

Und ich war mit meinem Vater…ich meine, mein Vater war auch hier, und ich habe dann als Erwachsene…ich meine, wir haben uns bei Familienfesten…es waren immer alle da. Stiefväter, Stiefmütter, Vater, Mutter. [Lacht.] Sie waren alle eigentlich sogar…im Nachhinein gesehen, zu befreundet. Es war als Kind eher verwirrend, dass da diese vielen verschiedenen Eltern…und, dass sie alle so…mein Stiefvater und meine Stiefmutter haben in New York zusammen Bridge gespielt, zum Beispiel. [Lacht.] Ein bisschen übertrieben, die Freundlichkeit. [Lacht.] Ja, that‘s it.

 

PR: Als du vorhin über deine Erinnerungen an den ,Anschluss‘ gesprochen hast, hast du gesagt, dass die Erwachsenen sehr aufgeregt waren. Womit hat das zu tun gehabt?

 

TJ: Mit einem Gefühl von Gefahr. Ich meine, das habe ich gewusst. Und außerdem, was ich auch nicht erzählt habe, ich…wie ich gesagt habe, ich habe eine behütete Kindheit gehabt. Ich bin in der Zeit viel, viel erwachsener geworden, und zwar deshalb, weil…ich habe gar nicht jüdisch ausgesehen als Kind. Ich war blond, blaue Augen gehabt, und wir haben zwei große Hunde gehabt. Und ich bin öfters…in der Nazizeit hat mich meine Mutter irgendwohin geschickt, Sachen besor[gen] – ich weiß nicht mehr genau was es war, aber ich bin so auf errands geschickt worden. Da bin ich mit den beiden großen Hunden gegangen, und habe mich ungeheuer erwachsen und mature…es hat viel dazu beigetragen, dass ich viel erwachsener geworden bin, und auch irgendwie Verantwortung übernehmen musste.

 

Und komischerweise: Ich erinnere mich so wenig an die Zeit…ich erinnere mich genau, wie wir aus dem Haus wegmussten, aber ich erinnere mich auch ganz dunkel, dass wir in einer Pension gewohnt haben. Meine Mutter, mein Stiefvater und ich. Ja, in der Kristallnacht waren wir in der…haben wir in der Pension gewohnt. Und da war irgendetwas…mein Stiefvater hat einen Revolver besessen. Das hat meine Mutter scheinbar an dem Tag erfahren, und wir waren in einer Pension, und sie hat darauf bestanden: er muss diesen Revolver irgendwo loswerden. So viel ich…ich glaube, ich erinnere mich, dass er diesen Revolver irgendwo unter eine Stiege…irgendwohin eingeschoben hat. Und ihm ist nichts geschehen. Mein Vater ist…und mein Onkel ist verhaftet worden. Mein Vater wurde verhaftet, und den haben sie wieder rausgelassen. Warum? Keine Ahnung. Mein Onkel war in Dachau. Ist aber auch wieder rausgekommen. Ich habe überhaupt das Glück, dass…in meiner wirklich nahen Verwandtschaft ist niemand umgekommen. Die Geschwister von meinem Großvater, die waren recht alt…es war eine größere Familie. Da war ein Großonkel, den habe ich gut gekannt, der hat sich einfach geweigert. Der hat gesagt, er ist zu alt. Es waren Papiere für ihn da, er hätte rauskönnen. Und von dem stammt diese Schlüsselsammlung, die da drinhängt.

 

3/00:11:55

 

PR: An der Wand, die?

 

TJ: Die hat er meiner Mutter mitgegeben, weil er gesagt hat, er emigriert nicht. Ich glaube, auch einige seiner Geschwister, die ich kaum gekannt habe, sind umgekommen. Aber das waren alles nicht Menschen, die wirklich nah waren. Also…

 

PR: Du hast mir vorhin von deinen Erinnerungen an den Heldenplatz, und an die Rede am Heldenplatz, erzählt. Was ich nicht ganz verstanden habe, ist, mit wem warst du dort?

 

TJ: Das weiß ich nicht. Das ist auch…ich habe mir schon oft darüber Gedanken gemacht. Ich kann mir nur vorstellen, dass meine…wir hatten jemanden, eine junge Frau…da meine Mutter full…in der Kunstgewerbeschule war, also den ganzen Tag weg war. Wie mein Bruder und ich aus der Schule gekommen sind, war jemand da, so eine Art Gesellschafterin für uns, die sich um uns gekümmert hat…wie wir aus der Schule herausgekommen… Mit der haben wir sehr…sind wir auf Radtouren gegangen, und die war auch ein…hat mir auch vieles von den Bastelsachen…alles was ich mit meinen Händen gelernt habe, habe ich von der gelernt. Es ist möglich, dass die mit mir da war, ich weiß es nicht. Ich wüsste nicht…meine Mutter war es bestimmt nicht. Und ich kann auch nicht schwören, dass das wirklich war. Ich glaube es nur, weil ich diese unglaubliche Panikreaktion auf solche…auf schreiende Massen…nicht nur die Stimme von…weil ich habe das ja natürlich auch auf Filmen gesehen. Ganz klar. Ob ich das in meinem Kopf dann darauf…dass ich glaube ich war da…das habe ich mich schon sehr oft selber gefragt. Und ich habe sogar gestern am Rückweg mit dem Auto, wie ich da zurückgefahren bin, habe ich darüber nachgedacht, versucht irgendwie ein Bild…wer war denn da, wie…ich war bestimmt nicht allein. Und ich war am Weg zu den Großeltern, was auch vollkommen stimmt, weil ich von Hietzing zum Karlsplatz gefahren bin, und dann zu Fuß zum Rathausplatz gegangen bin. Also es stimmt. Aber…ich weiß es einfach nicht.

 

3/00:14:51

 

Ich weiß nur…ich meine, dass…das zweite Mal, dass ich diese Panik, oder Angstreaktion, gehabt habe, war hier. Ich war nur ganz kurz in meiner Collegezeit, habe ich mich für Politik wirklich eingesetzt. Und zwar gab es…ich weiß gar nicht mehr, in welchem Jahr…da war ich im College, glaube ich. Da gab es den Henry Wallace, das war ein sehr linker…der für Präsident kandidiert hat. Es war kurz nach dem Krieg. Und ich habe…in dem Sommer habe ich als Volontär in den headquarters von Wallace gearbeitet. „Wallace for President.“ Und habe dort auch einen besonderen Job gehabt…merkwürdigerweise hat dieser Henry Wallace…der war Vizepräsident vom Roosevelt, und dann hat er später versucht, Präsident zu werden. Und es war kurz nach dem Krieg, und der Wallace hat erstaunlich viele Briefe aus Europa bekommen. Leute, die was von ihm wollten…einer wollte ein Fahrrad… Der war irgendwie, wahrscheinlich bekannt, dass er sehr sozial, sehr ansprechbar war. Und da habe ich, genauso wie später mit den Kindern bei der Airline, auch einen Sonderjob gehabt, weil ich Deutsch konnte. So war mein Job, dass ich alle Briefe, die an ihn gekommen sind, aus Europa – bisschen genug Französisch habe ich auch gekonnt –, lesen musste, und dann in ein…auf drei Sätze umzuändern. Und dann war eine convention in Philadelphia, und wir sind – alle, die für ihn gearbeitet haben, von dem office – nach Philadelphia gefahren. Ganz aufgeregt für diese…für die convention. Und der ist hereingek[ommen]…so ein Riesenstadion…und der ist hereingekommen, und die haben alle angefangen zu brüllen, das ganze Stadion, und haben so snake dances, und alles Mögliche…es war eine ganz aufgeregte Atmosphäre, und…ich habe eine Panikreaktion darauf gehabt. Die – ganz klar, das weiß ich so genau – eben auf diese…auf den Heldenplatz zurückgegangen ist.

 

PR: Woran kannst du dich erinnern, was diese Heldenplatzgeschichte betrifft? Weil du hast ja vorhin gesagt, dass das so eine Beängstigung war, die du dort verspürt hast.

 

TJ: Wahnsinnig, diese…das Schreien, es…also ich weiß nur, dass bei der Wallace…bei der convention, dieser rally, oder was immer es war, für den Wallace, hatte ich das ganz klare Gefühl, dass diese Menschen – was immer derjenige, der da unten am Podium gestanden ist, ihnen sagen würde, oder verlangen würde von ihnen – in ihrer Hysterie tun würden. Und genau das hat mich…ich bin weggegangen, mittendrin. Zum Schrecken von allen, mit denen ich gearbeitet habe…die haben alle geglaubt, ich bin verrückt. Aber ich konnte nicht einen Moment länger bleiben. Habe das Gefühl gehabt…und das war auch das Ende vom…ich habe da auch nicht mehr weiter gearbeitet, weil ich diese unkontrollierte Massenpsychose so erschreckend gefunden habe, dass…ich habe ganz klar das Gefühl gehabt, er kann sagen…kann verlangen, oder sagen, was er will, und sie werden mitmachen. Aus lauter… Deshalb glaube ich, dass es wahr ist, aber ich…ganz genau weiß ich es nicht.

 

PR: Aber du kannst dich daran erinnern, dass es etwas am Heldenplatz war, das stattgefunden hat…das nach dem ,Anschluss‘ war?

 

TJ: Das weiß ich ganz bestimmt.

 

3/00:19:56

 

PR: Und, dass es riesige Menschenmengen waren, die dort waren.

 

TJ: Ja. Das ist vollkommen…ich kann nur noch einmal dazu sagen: ich habe diese Szene auch im Film gesehen. Ich kann also nicht darauf schwören. [Lacht.] Besonders, da ich mich nicht erinnern kann, wer mit mir war, was eigenartig ist. Ich war bestimmt nicht allein, ganz bestimmt nicht. Und ich erinnere mich auch gar nicht…weißt du, es ist so eine Szene in meiner Erinnerung. Ich weiß zum Beispiel auch nicht, dass ich dann bei den Großeltern war, und den Großeltern davon erzählt hätte, oder so was. Es existiert…vielleicht ist das Ganze fiktiv. Man weiß ja nie, was man sich da alles aufbaut. Aber, das mit der Wallace campaign das war ganz…das werde ich nie vergessen, weil es war auch so ganz untypisch für mich, dass ich mich von einer Gruppe loslöse und einfach weg…weil ich es nicht aushalten konnte. Ist komisch, dass man sich das…es ist ja immer eine gewisse Gefahr, dass man Sachen…ob man das erzählt, ob es einem jemand erzählt hat, so wie die Mutter einem manchmal Sachen erzählt, oder ob man es selber erlebt hat. Das ist ja immer ein Problem. Man glaubt, dass man selber…man hört immer wieder auch von Leuten, die sagen: „Ja, ich war ein Jahr alt, oder eineinhalb Jahre alt, und da ist das, und das, geschehen.“ Dass man es ihnen – in den meisten Fällen – erzählt hat.

 

Noch was Lustiges fällt mir gerade ein. Ich bin sehr selten ins Kino gegangen, weil es einfach… Shirley Temple und lauter solche Kindersachen, aber da ich Natur immer schon an allem…an der Natur sehr interessiert war, war ich einmal in der Urania bei einem Unterwasserfilm. Und zwar war das der…ich erinnere mich so klar daran, da war ich…auch noch sehr jung. Es war ein Ehepaar, die in so einer Riesenglocke, oder was immer man damals gehabt hat, irgendwo im Meer…also die waren in dieser Riesenglocke drin, und da war so ein porthole, und durch dieses Fenster haben sie durchgefilmt. Ich war vollkommen fasziniert. Ich habe diese…Untermeeressachen…ich bin ganz, ganz verträumt aus diesem Film herausgekommen, und habe ihn nie vergessen. Und ich weiß nicht wie lang danach, also hier in Amerika, habe ich immer wieder erzählt, wenn es irgendwie auf so was…ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang. Ich werde nie vergessen…diesen herrlichen Unterwasserfilm, und diese unglaublichen Farben von den Fischen, und wie farbig das war. Bis mir jemand gesagt hat: „Du, es hat keinen Farbfilm gegeben zu der Zeit.“ Es war alles in meiner Fantasie. Ich habe zuerst geschworen, dass ich es in Farben gesehen habe. Und dann habe ich eines Tages doch akzeptieren müssen, es konnte nicht…weil es war noch nicht erfunden. [Lacht.] Da sieht man, wie sehr die Fantasie auch bei Sachen…was da hineinspielt überall. Ja.

 

PR: Als du den Film gesehen hast, warst du noch sehr klein?

 

TJ: Nicht sehr klein, aber vielleicht acht, neun…so was. Vorher war ich nie in einem…movie.

 

PR: Wir haben uns vorhin über das Gespräch unterhalten, das deine Mutter mit dem Gestapo-Beamten gehabt hat. Weißt du wie, unter welchen Umständen, sie von dem erfahren hat?

 

TJ: Keine Ahnung. Das sind diese Sachen, das mir seit meine Mutter gestorben ist…ich habe nie gefragt. Sie hat den Namen von dem Mann gehabt irgendwo gehabt…ich habe ihn nie unter ihren Sachen gefunden, ich habe sogar geschaut. Ich habe keine Ahnung. Aber solche Sachen sprechen sich herum. Wahrscheinlich. Ich habe nur gewusst, dass sie nach Berlin fährt, und habe gewusst, dass das eher gefährlich ist. Obwohl ich weiß…ich meine, sie hätten sie genauso verhaften können…aber es hat geklappt.

 

3/00:25:49

 

PR: Du hast mir gesagt, dass eure Emigrationsroute von Österreich in die Schweiz, und von der Schweiz nach England war.

 

TJ: Schweiz. Ja.

 

PR: Habt ihr dann…diese S.S. Manhattan – dieses Schiff –, von wo aus ist das gefahren?

 

TJ: Aus South Hampton. Ja. Und in London haben wir in einem rooming house gewohnt, das war auch unvergesslich. Weil es war Winter, es war Jänner – sehr kalt. Und damals hat es noch so ganz kleine…so einen kleinen Ofen gegeben, in dem Zimmer, und da musste man pennies hinein…englische pennies…den musste man füttern, mit Geld. Und da hat man sich immer ausgedacht, also…wie lange sollen wir es warm haben. Weil…wir haben auch viel gefroren, damals in dem… Und von dort, von diesem ganz…mehr als einfachen rooming house, sind wir dann auf das Schiff gekommen, und die Schiffskarte war in Wien gekauft, und wir sind, glaube ich, erste Klasse gefahren. Da war also so ein ungeheurer Luxus, da war…das Buffet, das endlose Buffet, das…mein Bruder und ich haben uns totgegessen am…was da alles überall herumgestanden ist. Und auch die Kabine und so…alles war sehr luxuriös.

 

Und, dass wir eigentlich…wir haben nie gar kein Geld gehabt. Weißt du, es war schon…in der Ausreisezeit schon, weil man durfte ja nur…ich weiß nicht was, ein ganz…kaum was mit rausnehmen. Aber so viel ich mich erinnere…also wir haben da auf der Westside in einem…das hat Hotel Kimberly geheißen, das ist auf der 73. Straße am Broadway, das ist jetzt ein residential…es war ein residential hotel oder so was. Und ich glaube, wie mein Großvater gekommen ist…mein Großvater war ein sehr gescheiter Bankier, und sie haben nie…die Nazis haben sein Geld nie erwischt, weil er fast alles in der Schweiz gehabt hat. Also, mein Großvater ist als…recht wohlhabend hier angekommen. Über die Schweiz? Ich schätze, er hat sich dort sein Geld geholt, ich weiß das alles nicht. Mein Großvater hat schon in Wien…er war ein leidenschaftlicher Reiter, und ein Teil meiner engen Beziehung zu ihm war, dass er mir – ich glaube, wie ich fünf Jahre alt war –, Reitstunden geben lassen hat, und dann bin ich mit ihm jahrelang jeden Sonntag im Prater geritten. Er hat sein eigenes Pferd gehabt, und ich ein gemietetes Pferd. Ich glaube ich habe schon gesagt: ich habe eine sehr schwierige Großmutter gehabt, die ihm das Leben sehr schwer gemacht hat, die immer überängstlich, nervös und unausstehlich war. [Lacht.]

 

3/00:30:19

 

Und seine glücklichste Stunde war, wenn er geritten ist. Wie er hergekommen ist…er hatte sichtlich das Geld…ich meine, jetzt, wenn ich darüber nachdenke. Er hat sich hier ein Pferd gekauft, was nicht…was eine ungewöhnliche Emigrationsgeschichte ist. Und dieses Pferd – die Großeltern haben am Central Park West gewohnt – war…es gab damals noch eine Stallung, wo jetzt ABC Television ist, auf der 66. Straße, zwischen Broadway und Columbus. Das war eine riding academy. Und dort war das Pferd eingestellt, und mein…genauso, wie in Wien, hat er dann…am Sonntag hat er für mich auch ein Pferd gemietet, und wir sind zusammen sehr oft im Central Park geritten. Ich durfte nie…weder in Wien noch hier…sein Pferd durfte nur er reiten. Ich war sechzehn Jahre alt, wie er gestorben ist. Er ist am Pferd gestorben, hatte das Glück. Er war zwar recht…nur 72, aber hatte einen Gehirnschlag, während er geritten ist. Aber es war irgendjemand mit ihm. Und das Pferd ist stehengeblieben, und er war tot. Ist nicht runtergefallen, einfach… Und der Tod von meinem Großvater war eine ganz große…er war wirklich das Oberhaupt der Familie. Ich war sechzehn Jahre alt, wie er gestorben ist. So viel ich mich erinnere. Ja. Wie das Testament dann gelesen wurde, hat er mir dieses Pferd vermacht. Und ich habe also mit sechzehn plötzlich dieses Pferd besessen, vor dem ich mich immer einigermaßen gefürchtet habe, weil es so unantastbar war. Ich meine, niemand durfte… [Lärm im Hintergrund.] Das Pferd hat Easy Does It geheißen, und war ein Riesen-Pferd. Da ist der Großvater im Central Park. [Zeigt ein Foto.] Und dann, nach einiger Zeit, bin ich jeden Tag, vor der Schule, im Central Park geritten.

 

PR: Kannst du mir sagen, wie dein Großvater geheißen hat, wann--

 

TJ: --Friedländer. Heinrich Friedländer. Also Henry Friedländer, hier.

 

PR: Und wann ist er geboren worden?

 

TJ: Oje, das muss ich nachschauen. [Lacht.] Weiß nicht. Er war 72…warte einmal, sechzehn, ich…Gott, wie alt…ich bin [19]25 geboren…[19]41 ist er gestorben. Und er war 72.

 

PR: Also in den 1870ern. 1869.

 

TJ: Ja.

 

PR: So etwas.

 

TJ: Ich habe das alles irgendwo…das ist das nächste, was ich machen muss, ich habe so furchtbar viele…ich habe Fotografien, hauptsächlich von der Familie meiner Mutter auch…wunderschöne alte Fotografien. Das muss alles zum Leo Baeck [Institute] irgendwann. Ich habe ja damit angefangen, mit einem der Gedenkdiener, und wir haben das nie fertiggemacht. Aber über meinen…über die Familie von meinem Großvater weiß ich überhaupt…nicht furchtbar viel. Ich weiß sehr viel über die Familie der Großmutter, also meiner Mutter.

 

PR: Weißt du, ob dein Großvater in Wien geboren worden ist?

 

TJ: Ja. Fast alle die näheren Verwandten, die ich gewusst…waren nicht von irgendwo… Ich glaube es geht…ich weiß nicht genau, wie weit es zurückgeht, aber ich habe auch irgendwo einen Stammbaum von einem…vom mütterlichen Teil der Familie, der hübsch weit zurückgeht. Weiß nicht, ob der nicht schon beim Leo Baeck ist. Ich habe so das Gefühl, ich habe das einmal jemandem gegeben, eine Kopie davon. Bin nicht sicher.

 

3/00:35:51

 

PR: Kannst du mir ein wenig von deiner Großmutter erzählen?

 

TJ: Ungern. Meine Großmutter…man musste immer auf Zehenspitzen um sie herumgehen. [Lacht.] Sie war jemand, sehr leicht erregbar…die sehr leicht aufgebraust ist, und sogar einen angeschrien hat. Man hat damals gesagt, sie ist nervenkrank, was man natürlich auf alles gesagt hat. Aber sie war wirklich…irgendwas war nicht ganz in Ordnung. Und sie hat das Leben von meinem…von meiner Mutter als Kind schon, und von meinem Großvater… Natürlich, in diesen Zeiten, hat man sich nicht scheiden lassen, aber sie hat ihm das Leben sehr schwer gemacht. Er war ein richtiger Lebensgenießer, der…also ja. Und sie hat alles unterbunden, sie war immer negativ und… Zur gleichen Zeit, das ist auch etwas das ich habe – ich habe so viele Sachen, mit denen ich was machen sollte. Ich habe unter den Papieren von meiner Mutter…habe ich Gedichte…ich habe gewusst, meine Großmutter hat immer geschrieben. Aber niemand hat sich je dafür interessiert. Außerdem hat sie eine sehr kritzlige Schrift gehabt, und ich habe dann – wie ich die Wohnung von meiner Mutter ausgeräumt habe – diese verschiedenen…teilweise Gedichte, teilweise nur so was immer ihr gerade in den Kopf gekommen ist, was sie niedergeschrieben hat…habe ich gefunden, und teilweise…zum Großteil entziffern können. Weil sie hat noch Kurrent, also so ein Gemisch von…schwer zu lesen.

 

Aber wie ich die Sachen gelesen habe…sie sind teilweise sehr gut…sie sind voller Emotionen, auch ein bisschen wirr manchmal. In manchen Gedichten kommt plötzlich die Mutter Gottes vor, zum Beispiel. Keine Ahnung, ob sie einen reli[giösen]…irgendeinen katholischen Wahn, [oder] irgendwas gehabt hat, ich weiß das alles nicht. Ich habe einmal mit jemandem, mit einer Bekannten, darüber gesprochen – einer jungen –, die gesagt hat, sie will das einmal versuchen zu transkribieren. Weil, das Interessante daran ist für mich nicht nur, dass manche der Gedichte wirklich nicht nur emotionell, sondern wirklich schön sind. Ich habe daraus ersehen, dass sie in ihrer…was immer mit ihrem Hirn nicht in Ordnung war…dass sie ihre Ängste, und ihre Emotionen…sie war überemotionell. Wenn sie geschrieben hat, das war ihr outlet, das war ihre Art, um diese Emotionen zu überwältigen oder… Und sonst…also ich bin damit aufgewachsen, dass die Großmutter…dass man also vorsichtig sein muss, was man sagt. Und ich weiß noch, wenn wir bei den Großeltern eingeladen waren – wir waren manchmal zum Essen da. Und wenn es Fisch gegeben hat, dann musste…durfte kein Mensch ein Wort reden, weil es könnte eine Gräte…man könnte eine Gräte schlucken. Und diese Mittagessen, die ewigen, wo man nicht reden durfte, habe ich meiner Großmutter irgendwie nie verziehen. Das war immer ganz furchtbar für uns Kinder. Aber irgendwie habe ich sie akzeptiert, sie ist halt komisch, und man muss halt vorsichtig sein…und so.

 

3/00:40:49

 

Bis…da war ich schon ganz erwachsen, mein Großvater war schon tot, meine Großmutter hat weiter in der Wohnung am Central Park West gewohnt, und hatte irgendeine Haushälterin, oder jemand, der also bei ihr war. Und da gab es auch ein separates kleines Mädchenzimmer…und ich weiß nicht ob ich einen…wir haben damals in Riverdale gewohnt, also außerhalb…bisschen außerhalb. Und ich glaube, ich habe einen Kurs in New York, in der Stadt, gemacht. Aus irgendeinem Grund habe ich bei der Großmutter gewohnt, in diesem mates room, für…einen Sommer, nicht den ganzen Sommer. Und meine Großmutter war außerdem ein großer snob. Sie hat amerikanische Freundinnen gehabt, so ladies, sie waren alle sehr fein. Und während ich da gewohnt habe, war eine Szene, die das Ende von meiner Beziehung mit meiner Großmutter war. Sie hat mit der Haushälterin…irgendwas war, irgendeine Szene, ich weiß nicht mehr, was sie falsch gemacht hat. Und meine Großmutter hat geschrien, wie ein verletztes Tier. Ich meine, nicht normal jemanden angekreischt, und war… Und in dem Moment hat das Telefon geläutet…ja, nicht nur gekreischt, sondern sie hat immer Kleider getragen, mit Knöpfen all the way down, und aus lauter Wut hat sie das Kleid genommen, hat an dem Kleid gerissen, und die Knöpfe sind in alle Richtungen geflogen. Und in dem Moment läutete das Telefon, und ich höre wie diese…wie meine Großmutter von dieser kreischenden verrückten Stimme plötzlich umschaltet auf: „Hello my dear! How are you? Oh, that is so sweet of you to call. Yes, I am alright and I hope to see you soon“, und so. Dann hat sie aufgelegt. Da bin ich dabeigesessen, da habe ich mir gedacht: „Ja, du kannst es an- und abschalten.“ Ich konnte nicht mehr. Ich meine, ich habe sie schon noch gesehen, aber ich hatte überhaupt keine Beziehung…Einfach alles…das war…ich glaube, das hat mich so schockiert, damals, und so…und ich weiß, ich habe immer aufgepasst und…dass ich sie ja nicht…nichts mache, das sie irgendwie aufregen könnte. Und diese Szene hat alle Sympathie und…ich meine, ich habe immer gesagt: „Ja, sie ist halt krank, und man muss halt so.“ Das war das Ende. Die hat noch lange gelebt. Allerdings ist…ja, sie war besser, wie dann die ganzen Pillen erfunden wurden, für Geisteskranke. Dann war sie viel milder, ich habe sie noch einmal gesehen. Sie ist gestorben, während ich in Wien war, also das war [19]60 wahrscheinlich…so irgendwann. 1960. Aber ich habe sie, noch bevor ich weggefa[hren]…[19]59 weggefahren bin, da habe ich sie noch einmal mit meiner Mutter besucht, und da hat sie schon medication gehabt. Da war sie viel milder, und viel ausgeglichener. Es war ein Wunder für sie. Sie ist nur zu spät gekommen. Und auch für meinen Großvater, der ein viel angenehmeres Leben hätte haben können. Aber das Reiten war meine…die ganze lange Geschichte dann. Ich habe…das willst du nicht alles hören. [Lacht.]

 

3/00:45:52

 

PR: Wie hat deine Großmutter geheißen?

 

TJ: Mit dem Mädchennamen, oder? Lederer. Die Familie.

 

PR: Und der Vorname?

 

TJ: Jenny.

 

PR: Die war jünger, oder älter, als dein Großvater?

 

TJ: Sie war jünger, nicht sehr viel jünger. Und der Rest der Familie…ich meine, sie hat eine Schwester gehabt, die ich sehr geliebt habe, die Tante Alice. Und mit dieser Familie bin ich heute noch…die haben in England gelebt, und die habe ich…die Tochter von der…also es war eine Cousine von meiner Mutter, die habe ich jahrelang, wenn ich nach Europa gefahren bin, besucht. Meine Großmutter war die Einzige in der Familie…war also nicht eine Familiengeschichte, sondern…ich weiß nicht was da…heute würde man wissen was…würde man einen Namen dafür haben. Aber jedenfalls eine…psychotic in ihrer ganzen Art. Das war auch…jetzt erinnere ich mich, du hast mich früher gefragt wieso…es so lange gedauert hat, bis die Großeltern weggefahren…dass wir vor ihnen weggefahren sind, aus Wien. Das war, weil meine…irgendetwas war, dass man sie nicht herausgelassen hat, dass Schwierigkeiten waren, weil sie mentally nicht ganz…es waren auch irgendwie Schwierigkeiten mit dem amerikanischen…mit der Einwanderung. Ich…ganz klar weiß ich das nicht, aber da waren--

 

PR: --das hat damit zu tun gehabt, dass deine Großeltern erst später emigriert sind, und--

 

TJ: --ja. Nach uns hergekommen sind. Wir sind von Wien weg…soviel ich weiß, waren sie noch in Wien, was mich sehr wundert. Ja, aber es gibt…ich habe sogar einen Brief von meinem Großvater, wie wir schon hier waren, wo er beschreibt, dass er so besorgt war…also die Großmutter war, ich weiß nicht, in einem Sanatorium am Semmering zur Erholung. Und, dass er also Sorgen hat, wie das sein wird mit der Auswanderung. Aber sie haben es geschafft.

 

PR: Kannst du mir bitte ein wenig von deinem Vater erzählen? Wie er geheißen hat, wo er geboren worden ist, wann?

 

TJ: Felix Epstein, später Elmer. Er ist in Wien geboren, und sein Vater, Alfred, hat ein Tuch…Stoffgeschäft…Tuchwaren…wie hat das geheißen? Am Fleischmarkt, Fleischmarkt sechzehn. Es war ein Familiengeschäft, das mein Vater dann übernommen hat, weil der Großvater zu alt war. Den väterlichen Großvater habe ich…ich habe ihn gekannt, aber der ist, glaube ich, gestorben, wie ich zwei oder drei war. An den erinnere ich mich nur, dass er uns immer Milka-Schokoladen mitgebracht hat. [Lacht.] Erinnerungen gehen durch den Mund, manchmal. Die Großmutter habe ich nicht gekannt, und mein Vater war einer von…er hatte drei Brüder und eine Schwester, die Trude geheißen hat, und die in der Grippeepidemie gestorben ist. Und deshalb habe ich…wurde ich Trudy – Trude – genannt. Mein Vater war ein…er war als Geschäftsmann ganz erfolgreich. Ich meine, er war nicht reich, aber well-to-do. Hat dann einigen seiner Brüder auch…der hat immer…er war ein Wohltäter, er hat immer…er hätte am liebsten alles, was er hat, hergeschenkt. Das war seine Natur. War ein begeisterter Bergsteiger, und hauptsächlich…wie heißt das noch…er hat Gletschertouren gemacht. Er hat die Berge geliebt, und ist immer…ich weiß, wir waren einmal mit ihm…hat er den Peter und mich, und noch ein…meine Mutter war nicht mit, aber noch jemand war mit. Er ist auf eine Großglocknergletschertour gegangen…mit einem Führer, oder was, und hat uns da oben auf der Hütte abgesetzt, und wir haben da auf ihn gewartet, bis er wieder zurückgekommen ist. Und das war sein großes Glück, wenn er in den Bergen war.

 

Er war, ich glaube, zehn Jahre älter als meine Mutter. Und, dass sie sich scheiden haben lassen, war teilweise, dass er ein Workaholic war, dass er immer gearbeitet hat. Er war sehr wenig da, und meine Mutter war viel jünger, und sehr schön, und wie er dann…er hat komischerweise…ist auch etwas Komisches in unserer Familie…Namen, dieselben Namen, erscheinen immer wieder in einer ganz eigenartigen Art. [Räuspert sich.] Meine Mutter hat Anni geheißen, mein Vater war Felix.

 

3/00:52:44

 

Dann hat mein Vater wieder geheiratet, wieder eine Anni, und meine Mutter hat… Ich hatte zwei Stiefväter: der erste hat Walter geheißen, so wie ihr Bruder, der zweite war wieder ein Felix. [Lacht.] Dann das Dritte, was noch passiert ist mit den Namen: mein Bruder, bevor er die Inge, mit der er jetzt verheiratet ist…wie er bei den Besatzungstruppen in Wien war, hat er sich in ein Wiener Mädchen verliebt, die Inge geheißen hat. Und hat sie herübergebracht als…die haben geheiratet…und sie war also eine warbride. Diese Ehe ist eher schnell auseinandergegangen, denn sie war…ich habe sie sehr gern gehabt, aber sie war einfach ein chronisch deprimierter, negativer Mensch. Ein unglücklicher Mensch. Und mein Bruder war gerade das Gegen[teil]…es hat also nicht geklappt. Aber er hat dann, Jahre danach, noch einmal geheiratet, und wieder eine Inge. Ist doch komisch. [Lacht.]

 

Ja, ich war bei der Familie vom Vater. Da waren also drei Onkeln, den einen habe ich kaum gekannt, der ist nach Südamerika ausgewandert, lange vor Hitler. Das war der Älteste. Und der andere…die anderen zwei, also besonders der Jüngste, mein Onkel Franzl, der war auch hier. Die waren beide hier, sind beide emigriert. Ich habe also da Cousins – mehrere Cousins –, die nicht mehr…die meisten leben nicht mehr, aber mit denen allen war ich recht gut. Und der jüngste Onkel, der Onkel Franzl, der hat nie geheiratet, aber dem habe ich zu verdanken, dass ich eine Garage habe, für mein Auto. Der war sehr oft hier zum Essen. Er war allein, und war schon alt, und den habe ich sehr oft zum Essen eingeladen, und der ist halt immer gekommen. Und wie er gestorben ist, hat er mir etwas Geld vermacht und dann…dabei war ein kleine note: „I want you to use this for something you would other[wise] not allow yourself.“ Und zu der Zeit habe ich…schon ein Auto gehabt, aber ich habe es jeden Tag immer umstellen müssen, wie das hier in New York ja ist. Das hat einen solchen Unterschied in meinem Leben gemacht, dass das Auto mich nicht so tyrannisiert hat. Aber ich wusste, wenn das Auto geparkt war, wo es legal war, konnte man es nicht verwenden, weil dann konnte man wieder keinen Parkplatz finden. Und wenn es auf der falschen Seite war, musste ich um acht Uhr früh unten sein, und irgendwo das Auto verstauen. Ohne den Onkel Franzl hätte ich das…es war schon damals ein…eher ein Luxus und jetzt ist natürlich…ich will gar nicht wissen, was das kostet. [Lacht.]

 

3/00:56:25

 

PR: Wir haben vorhin schon ein bisschen über deine Mutter geredet, im Zusammenhang mit den ganzen Keramikgeschichten, aber kannst du mir noch ein bisschen mehr über deine Mutter erzählen?

 

TJ: Meine Mutter, die nie etwas geschrieben hat, hat einmal doch für irgendeinen Vortrag, den sie gehalten hat, ihre Lebensgeschichte – eine kurze Lebensgeschichte – niedergeschrieben. Die habe ich…sie war jemand sehr besonderes. Erstens: war sie wunderschön. Sie war eine ganz, ganz außergewöhnlich schöne Frau. War sehr begabt in allen möglichen…war künstlerisch sehr begabt. Hat als junge Frau Fotografie studiert, und dann hat sie diesen Keramikkurs gemacht, und das ist eine ganz lange, separate Geschichte. Sie hat hier…das alles noch aufnehmen? Weiß ich nicht. Das ist, glaube ich, eine zu lange Geschichte, ich kann es nur…ich werde versuchen es sehr zu verkürzen. Das erste Jahr, das wir in New York waren. Meine Mutter hatte eine Amerikanerin auf einer Italienreise kennengelernt. Eine Frau die mit ihrem, glaube ich, vierzehn-, fünfzehnjährigen Sohn eine Weltreise gemacht hat – was damals etwas ganz Außergewöhnliches war. Das war Mrs. Troy. Die ist dann auch nach Wien gekommen, und hat uns in Wien besucht – das war noch vor Hitler. Und hat damals schon gesagt: „If you ever come to the States, lass mich wissen. „ Und…wir sind hier angekommen, und irgendwann hat meine Mutter ihr einen Brief geschrieben, und hat gesagt: „Wir sind da, in New York“. Und die hat sofort angerufen, und hat gesagt: „Wie wunderbar“, aber um keinen Preis sollen wir uns in New York niederlassen. Wir müssen nach Kalifornien kommen, die Westcoast. Sie hat in Texas gewohnt, hat aber auch ein Haus in Kalifornien gehabt. Und unbedingt nicht…bevor wir uns hier niederlassen.

 

Kalifornien, meine Mutter hat gesagt: „Das kommt gar nicht in Frage.“ Und da hat sie gesagt: „Look here, ich habe ein kleines Häuschen in Südkalifornien, in La Jolla.“ Das ist jetzt…das war damals ein ganz kleiner Ort und: „Es wird nicht bewohnt diesen Sommer, fahrt doch hinaus, und wohnt dort, und schaut euch die Westküste an.“ Das ist auch wirklich zustande gekommen, weil das war…1939 waren zwei World Fairs, da gab es in New York, und in San Francisco, eine World Fair, und da war so eine Promotion, wenn man beide fairs, also in New York und San Francisco, berührt hat, hat es einen – mit der Bahn – wirklich ganz lächerlichen Betrag…und so sind wir den ersten Sommer nach La Jolla gefahren. Herrlich, ich…Eisenbahnfahrt werde ich nie vergessen, das waren noch diese alten…mit den Vorhängen. So ein langer Wagon, und dann gab es einen Speisewagon, und dann ein sightseeing, wo man…da sind so südliche…zuerst südlich gefahren, und am Rückweg die Northern route. Wir haben also viel von der Bahn, von den Staaten, damals gesehen.

 

3/01:01:01

 

Aber – der Grund, dass ich das alles erzähle – nachdem wir ein paar Tage da waren…der Strand, es ist…das Haus war ein Traumhaus. Ein patio house mit Bougainvillaes, und Kolibris, und…wirklich ein Traum. Alles war da, und das Meer war gleich da unten. Meine Mutter hat einen…ich glaube am dritten Tag…wunderschöne rote Meerespflanzen gefunden. Und hat, was wir immer auch als Kinder gemacht haben, diese Meerespflanzen getrocknet und gepresst – was man mit Blumen oft in Österreich gemacht hat. Und hat, nachdem sie das…nachdem sie gepresst waren, hat sie gemerkt, wenn sie es gegen das Licht hält, dass die Farbe – die waren rot – so wunderschön war. Daraufhin hat sie beschlossen, sie wird einen Lampenschirm machen. Das war ein Familienprojekt. Niemand von uns hat eine Ahnung gehabt, aber wir sind…ich weiß nicht, irgendwie ist dieser Lampen[schirm]…jeder hat irgendwas daran gearbeitet…und sie hat das mit irgendeinem Lack drauf…und wir haben das geschnürt, mit Bast. Dann hat sie…ich denke mir, sie war unglaublich, sie war gar nicht…gar keine Geschäftsfrau, sie war…ich weiß jetzt, wieso sie das gemacht hat. Sie hat diesen Lampenschirm genommen, und ist zu dem gift shop in La Jolla gegangen – da gab es einen gift shop. Die Frau hat das sehr bewundert, hat gesagt: „Ja“, sie nimmt es on consignment, also nicht gekauft, sondern jetzt. Und ich glaube, eine Woche darauf war…läutet das Telefon, war ein ganz aufgeregter Anruf, sie hat den Lampenschirm verkauft, an die Eleonor Roosevelt. Dieser Telefonanruf hat dazu beigetragen, dass wir für den Rest des Sommers Meerespflanzen gesammelt haben, die ganze Familie.

 

Wie wir nach New York zurückgekommen sind, hat meine Mutter irgendwie einen speziellen Koffer gefunden, einen ganz flachen Koffer, wo die alle in Schichten…war das alles drin. Und hat dann hier, wie wir in New York waren, ein kleines Lampengeschäft begonnen. Und zwar…sie hat keine Ahnung gehabt von solchen Sachen, aber sie war…wir haben immer schon sehr moderne Wohnungseinrichtung…zu einer Zeit, wo die meisten Leute mit Antiquitäten, und mit…unser Haus war ganz, ganz modern, so schwedisch modern. Sie war mit einem Architekten, der das gemacht hat, sehr befreundet. Und wir haben in der Auswander[ung]…mit allen unseren Möbeln sind auch die Lampen mitgekommen, die alle…die wenigen, die wir mitgebracht haben, waren alles ausgefallene, moderne Sachen. Meine Mutter hat irgendwie diese Lampen nachmachen…also teilweise…wenn ich sage, nachmachen lassen, das war es gar nicht, sie wurden zusammengestellt. Mein Stiefvater damals, der hat Gutti geheißen, Walter Guttmann…der war Anwalt in Wien, und wie alle Anwälte konnte er hier nicht arbeiten, und hat accounting studiert, aber zur gleichen Zeit war er der Mechaniker in diesem Lampengeschäft. Hat also die ganzen Montagen gemacht, hat die Lampen zusammengestellt. Er hat da mitgearbeitet. Das hat angefangen mit ein paar Lampen – also diese seaweed – und dann Kopien von diesen – für hier – ultramodernen, und neuen, schwedischen Lampen. Es war eine Lampe, die ein besonders großer Erfolg war. Das war nur ein Bambusstab auf einer Base, und eine japanische Laterne drauf. Das hat es 1939, oder [19]40, nicht gegeben. Dann ist noch dazu gekommen, dass während des…wie dann Amerika im Krieg war…dass alle diese Produktionen…dass das alles auf Krieg eingestellt war, und es wurden überhaupt keine Lampen produziert. Und so war das – ihr Geschäft – ein wirklicher Erfolg. Sie hat zuerst…sie hat angefangen mit europäischen, bekannten, Architekten – die paar die sie gekannt hat –, und Innen-decorators zu arbeiten, und Freunden. Und alle haben also Lampen…Plusstudio hat das geheißen, das Geschäft.

 

3/01:06:50

 

PR: Wo war das?

 

TJ: Es war…also angefangen hat es in der 48. Straße, irgendwo in einem ganz kleinen Lokal, und dann, die letzten Jahre…ich weiß nicht mehr genau, wann es geschlossen hat, war es auf der Madison Avenue, auf der 63. Straße, also sehr… Und sehr gut gegangen, und sie hat immer mehr Sachen dazu… Sie ist nach Wien gefahren, ganz früh…wann war das…und hat…weißt du, sagt dir der Name Carl Auböck etwas? Nein, wahrscheinlich nicht. Es hat in Wien jemanden, einen Mann, gegeben, der ganz besondere Wohngegenstände…ich kann nicht einmal sagen…schwer zu beschreiben. Was hinter dir ist, diese zwei kleinen Skulpturen, sind von ihm, aber das ist nicht typisch. Auböck hat…er war sehr erfinderisch, und hat Bestecke, aber mit Bambus über…er hat aus Messing Brotkörbe gemacht, und mit Leder, alles Mögliche. Und meine Mutter hat den kennengelernt, und war so begeistert von den Sachen, und hat seine Sachen hier importiert. Hat jahrelang Auböck-Sachen geführt. Sie war unglaublich enterprising…und sie hat immer gesagt: „Ich werde dir das zu lesen geben“, was sie geschrieben hat. Dass sie eigentlich dem Hitler dankbar sein muss, weil ihr Leben wäre viel langweiliger, und uninteressanter, gewesen, wenn sie nicht gezwungen gewesen wäre, was aus ihrem Leben zu machen. Weil sie hat in Wien…ich meine, Gesellschaften…hat so wie well-to-do, wie reiche Leute, reiche Damen, gut angezogen und…sie hat zwar nicht Bridge gespielt, aber sie hat nicht wirklich sehr viel Konstruktives gemacht. Sie hat das immer…mein Stiefvater hat es nie wirklich zu etwas gebracht, mein Vater auch nicht. In der Familie…beide Frauen, die Stiefmutter und…meine Stiefmutter hat eine kleine Boutique angefangen, und das Merkwürdige ist – jetzt wo ich daran denke –, mein Stiefvater, also der Gutti, hat im Geschäft, in dem Lampengeschäft, hinten die Sachen…hat da gearbeitet. Und mein Vater hat einige Geschäftssachen versucht. Es ist alles schiefgegangen, hier und gegen Ende seines Lebens, hat er hinter dieser Nobelboutique…er hat manchmal Sachen geliefert, er hatte einen sehr armseligen Job gehabt. Und die Frauen in beiden Familien haben…die Frauen waren die Verdiener. Die Männer haben es nie…beide nie zu etwas gebracht.

 

3/01:10:46

 

Ja, dann am Ende ihres Lebens da hat sie…der Gutti, der erste Stiefvater, ist an einem Lungenemphysem gestorben, der war ein furchtbarer Raucher. Hat dann viele Jahre später einen Architekten geheiratet, der Felix Augenfeld – auch wieder ein Felix – geheißen hat. [Lacht.] Den ich sehr…ich habe beide meiner Stiefväter sehr gern gehabt. Und jeder hat auch etwas…die haben beide auch viel für mich getan. Der erste Stiefvater hat mich der Musik…es war in unserem Haus…Musik hat keine große Rolle gespielt. Und wie Gutti gekommen ist, der war ein begeisterter…klassische Musik und besonders [Gustav] Mahler. Also mein Musikwissen hat mit Mahler begonnen. [Lacht.] Nicht wie…zumeist von der anderen Seite. Und durch den zweiten Felix, den wir „Auge“ genannt haben, weil man konnte ihn nicht Felix nennen, weil mein Vater…wir haben meinen Vater Felix genannt…kein „Vater“…das hat es bei uns nicht gegeben. Der Felix, der „Auge“, der war ein sehr guter Innenarchitekt. Ich habe alles, was in dieser Wohnung ist, ihm zu verdanken. Er hat sich diese Farbe ausgedacht, und alles…hat dieses Ding für mich designt, und hat auch da…viel dazu beigetragen. Ich habe nicht das Problem, das viele Leute mit ihren Stiefeltern haben…habe ich nicht gehabt. Gott sei Dank. Mir ist gerade früher was eingefallen, jetzt ist es mir wieder entfallen. Plusstudio…kann nicht so wichtig gewesen sein.

 

PR: Wie hat deine Mutter mit Mädchennamen geheißen?

 

TJ: Friedländer.

 

PR: Hast du gesagt.

 

TJ: Anni – Anni Friedländer.

 

[Übergang/Schnitt.]

 

Ende von Teil 3

 

 

Teil 4

 

PR: Kannst du mir ein wenig was von deinem Bruder erzählen? Der ist schon immer wieder vorgekommen, aber wann ist…er ist 1927 geboren?

 

TJ: 1927 geboren, ist als…im Jahr [19]37 nach England geschickt worden in die Schule--

 

PR: --wie heißt er mit Vornamen? Peter?

 

TJ: Peter. Peter Elmer. Das war geplant für ein Jahr, er war zwei Jahre da in der Schule…sehr ungern, in einer sehr strengen Schule, er war sehr unglücklich. Und dann sind wir…haben wir uns alle wieder getroffen, in London, und er ist mit uns rübergekommen, und ist hier…da er tadellos Englisch konnte…war sofort…hat gar keine Probleme mit der Schule gehabt. Hat, glaube ich, ein Jahr bei…an der Columbia [University] studiert, dann wurde er in die Armee eingezogen. Das war schon gegen Ende. Gegen Ende…nein, also, ja, wurde eingezogen…nein, falsch. Er hat volunteered, er war immer ein sehr guter Skifahrer, und es gab eine ski troops…der hat sich für die ski troops gemeldet. Und dort haben auch meine Mutter und ich ihn einmal besucht, bevor er overseas geschickt wurde – in Colorado. Er ist dann nach Italien, an die italienische Front, als mountain troops, gekommen. Und hat…aber es war schon sehr am Ende des Krieges. Ich meine, er hat noch reichlich mitgemacht, aber es ist ihm nichts geschehen, und wurde eben dann, anstatt, dass sie ihn zurückgeschickt haben, haben sie ihn nach Wien geschickt – als Besatzungstruppe. Und da war er, ich glaube, zwei Jahre. Und er hat…was immer er als Job in der Army gehabt hat, hat er gemacht. Aber außerdem haben viele Leute – also inklusive meiner Mutter – ihm Pakete geschickt für Leute, die in Wien waren, die man gekannt hat, die wirklich sehr gehungert haben, und nichts gehabt haben. Er wurde, in der Zeit, irgendwie wie ein…wie der „Engel aus Amerika“. Er hat unzählige Pakete immer…wann immer er Zeit gehabt hat, Pakete ausgeteilt und…naja. Seine, dann spätere, Frau hat das eben mit ihm zusammen…die hat im selben office mit ihm gearbeitet, und sie haben das zusammen gemacht, und das war eigentlich die Basis von dieser Beziehung, die halt nicht sehr stark war, sowieso. Das war…weil, wie dieses Zusammenarbeiten vorbei war, hat es schon nicht mehr geklappt.

 

Er ist dann zurückgekommen, ich weiß nicht mehr genau wann…er ist mit der Inge zurückgekommen, und hat dann hier sein Studium fertiggemacht, und ist in eine Firma eingetreten, die Pullover gemacht haben. Die hat er dann, nach einiger Zeit, übernommen, und hat jahrelang ein…sweater business gehabt, und ist eher früh…early retirement…ich weiß nicht, wie lange das jetzt her ist, aber er ist schon…es ist schon sehr viele Jahre her, dass er das Geschäft nicht mehr hat. Er war immer sehr sportlich, hat immer…hat schon in Wien Tennis gespielt, und Golf gespielt, und Fußball gespielt, natürlich. Fußball durfte…ich wurde auch hineingezogen, weil sie haben mich immer als goalie gebraucht, als Tor[hüterin]. [Lacht.] Die kleine Schwester ist immer beschossen worden. Und das Interessante zwischen uns war, dass wir uns nie…es war nie berühmte Eifersucht zwischen Geschwistern. Und wir haben irgendwie…ohne es bewusst zu tun, haben wir unsere…er war sehr sportlich, aber er hat sich vor Wasser gefürchtet. Und nie geschwommen, und ich bin ein sehr guter Schwimmer geworden. Er hat sich vor Tieren gefürchtet, und ich bin also ein Reiter geworden. [Lacht.] Und wir haben irgendwie so unsere…es war nie ein Konflikt, weil unsere…das, worin wir gut waren, war einfach geteilt. Es war so, wie wenn wir das geplant hätten, aber es hat sich irgendwie so ergeben. Und dadurch war immer Frieden zwischen uns. Wir haben uns eigentlich kaum, so wie andere Kinder, viel gerauft, oder eifersüchtig aufeinander gewesen. Und bis heute…ich meine, wir sind on good terms. Ich habe keine…ich meine, ich bin glücklich, dass er in New York ist. Ich weiß, dass wenn ich irgendwas wirklich brauche, wenn ich rufen würde – was ich selten tue –, wird er ganz da sein, und auch die…auch seine Kinder und… Aber ich sehe sie nicht sehr oft, wir sprechen am Telefon. Es ist eine…ich meine, wenn ich sage nah…es ist vielleicht keine so nahe Beziehung, als eine sehr fürsorgliche. Wir würden füreinander mit Selbstverständlichkeit alles tun, ohne…

 

4/00:07:11

 

PR: Du hast mir ja erzählt, dass er an eine Schule geschickt worden ist, als er sehr jung war. Ich meine, er ist zwei Jahre jünger als du, also das heißt, das muss--

 

TJ: --älter.

 

PR: Älter. Oh, dann habe ich vorhin einen Blödsinn geredet. Dann ist er [19]23 geboren, und nicht [19]27.

 

TJ: Ah ja, habe ich gar nicht aufgepasst, stimmt. Stimmt. Natürlich, er ist [19]23 geboren. Er wird jetzt 85, diesen August.

 

PR: Du hast erzählt, dass er irgendwie…deine Eltern haben gemeint, falsche Freunde hat? Das war der Grund warum sie--

 

TJ: --ja…er ist so mit einer…er war ein eher zartes Kind. [Lärm, Mikrofon wird bewegt.] Und ist mit so einer…ist in eine Gruppe von bisschen „Pilcher-artige“ Burschen hineingekommen, die wirklich…nicht nur low class, das hat weniger mit…die haben so…ich meine, alle Buben stellen Sachen an, und machen allen möglichen Blödsinn. [Lacht.] Aber die haben ihn manchmal zu, wirklich schon fast kriminellen, Sachen…es war nicht wirklich so stehlen, und so. Und ich glaube, das war der Grund, teilweise, dass man gedacht hat, er soll weg aus diesem…von diesen Buben, und dann…es war, zu der Zeit, besonders von meinem Großvater aus gesehen, weil der war ja doch aus…der war nicht modern, er hat nicht…was man heute sagen würde…er hat nicht so gedacht, dass er…da war noch die Idee, also to toughen him up, also ihn…er war ein bisschen ein weiches Kind, das sich von allen überrumpeln hat lassen. Er war nicht wirklich schwach, aber… Ich meine, ich war die Stärkere, das war auch etwas. Das habe ich sogar als ganz Junge noch irgendwie gewusst. Ich habe gewusst, ich darf ihn nicht vor seinen…ich konnte ihn leicht schlagen, oder, wenn wir je gerauft haben, habe ich gewonnen, weil ich die Stärkere war. Aber ich habe genau gewusst, dass ich nicht vor seinen Freunden…muss ich die Schwache spielen.

 

PR: Wie hast du das in Erfahrung gebracht?

 

TJ: Ich weiß nicht, ich habe das gewusst. Es war ganz klar. Er hat mich sogar manchmal, nur um sich zu produzieren, verhaut, vor seinen Freunden. Ich habe mir das gefallen lassen, weil ich gewusst habe, ich kann da…ich kann ihn nicht so blamieren. Und er war komischerweise nicht gescheit genug, das mitzukriegen, dass wenn das anders wäre, dass ihm das sehr unangenehm gewesen wäre. [Lacht.] Ja, er ist zwei Jahre älter. Aber du findest im Interview…mit dem--

 

PR: --Sebastian.

 

TJ: --Sebastian Markt.

 

TJ: Das weiß ich, weil ich habe damals den Sebastian hingeschickt und gesagt, der Peter interessiert sich zwar gar nicht, aber er soll ihn doch einmal interviewen. Und irgendwie…ich weiß nicht, warum ich das nie zu sehen gekriegt habe.

 

PR: Ich werde dir eine Kopie zukommen lassen. War deine Familie eine politisch interessierte Familie?

 

TJ: Nein. Eigentlich überhaupt nicht. Ich wüsste niemanden in der Familie…ich meine, es war keine…sehr konservative Familie. Allerdings mein Vater…war ein Freimaurer, weiß ich. Ist immer zur Loge gegangen. Eigentlich gar nicht, und das Eigenartige ist, dass ich jemanden geheiratet…mein Mann war…sein ganzes Leben war Politik. Das war…er war Deutscher, und hat…war Sozialist, und hat in einer kleinen Untergrundgruppe, Antinazigruppe, jahrelang gearbeitet. Musste dann fliehen aus Berlin, ist nach Paris, und er hat…hier wurde er dann ein investment adviser, was gar nicht…ich meine, seine ganze Lebens-passion war Politik. Und er wäre wahrscheinlich…er hat sich immer als politischer refugee angesehen. Er hat es nie ganz akzeptiert, dass er als Jude…weil er ist eigentlich aus Deutschland…er musste weg, weil er gefährdet war als… Er war auch eingesperrt und…aber alles politisch, mit der underground activity.

 

4/00:13:22

 

PR: Weißt du, im Rahmen welcher Organisation das war?

 

TJ: Es war eine kleine Organisation, das hat Neu Beginnen geheißen, und…ich weiß, nur sein bester Freund, der dann auch hier war, den ich gut gekannt habe…das war jemand, der hat Richard Löwental geheißen. Der war dann später…der ist nach Deutschland zurückgegangen, und war Professor an der Freien Universität in Berlin. Und da war…ja, da waren verschiedene…war jemand, Karl Frank, der war auch hier. Und die haben zwischen Prag, Paris, und Berlin…gearbeitet. Es war…ich habe nie…ich glaube nicht, dass irgendwas darüber geschrieben ist. Ich weiß irgendjemand hat – der hat Jerry geheißen – ihn einmal interviewt. Ich habe das nie gesehen, was damit geschehen ist. Ich weiß relativ wenig darüber. Mein Mann ist 1990 gestorben, ganz plötzlich, an einem Herzinfarkt. Und dann bin ich zum Stammtisch gekommen.

 

PR: Wann ist er geboren worden, dein Mann?

 

TJ: Oj-oj-oj. Ich habe befürchtet, dass du mich das fragst. Die Daten sind nicht meine forte. Er war…warte einmal, man kann das zurückrechnen. Er ist [19]90 gestorben und er war 83.

 

PR: 1907.

 

TJ: Oder 82. So irgendwie, ja.

 

PR: So was in die Richtung. Und wie hat er mit Familiennamen geheißen?

 

TJ: Jeremias. [Lacht.]

 

PR: Ich war jetzt so stark in dem Epstein drin. Tut mir leid, dass ich das… [Lacht.]

 

TJ: Und der hat seine ganze Familie in Israel. Dadurch war ich auch sehr viel, sehr oft, in Israel. Bin noch weiter in Kontakt mit denen.

 

PR: Um zurückzukommen zu Wien: Du hast vorhin von dem Haus erzählt, das ihr gehabt habt, im dreizehnten Bezirk. Wo war denn dieses Haus?

 

TJ: Gloriettegasse 45. War eine Riesenvilla, die mein Großvater gekauft hat. Hat eigentlich meinem Großvater gehört. Viel zu groß für uns, und ich habe…wir haben eigentlich nur den oberen Stock wirklich bewohnt. Aber einen traumhaften Garten. Ich meine, das war kein Garten, das war ein Park. Ist hinaufgegangen zum Küniglberg, wenn dir das irgendwas sagt. Ich meine, heute ist der ORF [Österreichischer Rundfunk] da oben. [Lacht.] Bei uns der Garten…unser Gartenzaun ist bis hinauf auf den Berg gegangen. Von der Gloriettegasse…es war ein Prachtbesitz.

 

4/00:16:56

 

PR: Kannst du das Haus ein wenig beschreiben?

 

TJ: Ich kann dir ein Bild davon zeigen.

 

PR: Du könntest mir sogar ein Bild geben, für die Kollektion, aber…

 

TJ: Ich habe nur ein ganz großes Bild, und auch eins, wie es dann ausgesehen hat. Unser Gärtner…das ist noch eine ganz andere Geschichte. Zu viel.

 

PR: Aber kannst du es ein bisschen beschreiben? Also die Räume, und--

 

TJ: --das Haus? Es war eine große Villa, zweistöckige…für mich heute noch als Riesenvilla, viel zu… Wie wir dort eingezogen sind, hat meine Mutter durch diesen Architekten – Josef Frank –, den sie gut gekannt hat, den oberen Stock modernisieren lassen. Es waren…es gab ein wunderschönes Wohnzimmer, mit einer großen Terrasse, und unvergesslich ist…von der Einrichtung ist mir…da gab es eine Couch, die war ganz niedrig, viel niedriger als das, und doppelt so breit, und ist die ganze…wenn das die Seite vom…das Ende vom Zimmer war, war das alles Couch. [Vergleicht mit ihrer jetzigen Couch.] Dann waren unzählige farbige Polster, Riesenpolster. Man ist nie so gesessen…deshalb sitze ich auch bis heute noch so. [Lacht.] Und ja, dann waren zwei Kinderzimmer, also mein Bruder und ich haben anschließende Kinderzimmer gehabt. Und dann war mein…Schlafzimmer von meiner Mutter…und damals haben, sehr oft, Eltern separate Schlafzimmer…und dann war das Schlafzimmer von meinem Vater. Dann war noch ein sogenanntes Fremdenzimmer. Aber das war alles ganz modern. Sehr schön eingerichtet. Und der untere Teil…da war so eine große…wir haben es Halle genannt. Das war ein großer Raum mit einem riesen fireplace, offenem Kamin. Aber wenn ich sage, es war zu groß, dann waren noch glaube ich, zwei Räume, die nie verwe[ndet]…die irgendwelche alten Möbel…wir waren da nie drin. [Lacht.] Ja und dann waren…gab es ein Ping-Pong-Zimmer, also ein Zimmer wo ein Ping-Pong-Tisch gestanden ist. Und die Küche war unten. Es war alles sehr groß.

 

Nebenan war noch ein Haus, das auch dazugehört hat, und da hat der Gärtner gewohnt. Eine Gärtnerfamilie, wo ich sehr viel Zeit, als kleines Kind, verbracht habe, weil ich…das war eine sehr proletarische Familie, und ich habe mich dort sauwohl gefühlt. Ich habe…das war so eine Familie, wo der…es waren zwei Buben, die waren ungefähr in meinem Alter, und wenn die irgendwas angestellt haben, hat der Vater ihnen eine Ohrfeige gegeben, und es war großes Geschrei, und dann war alles vorbei. Und in meiner Familie, meine Mutter, da sie so streng…mit ihrer Mutter Probleme gehabt hat, die war so streng. Meine Mutter hat grad das Gegenteil gemacht, hat also überhaupt…es hat überhaupt nicht…keine Strafe bei uns gegeben, kein…nichts. Wieso ich überhaupt aufgewachsen bin und weiß, was man tut, und was man nicht tut, wundert mich manchmal, weil es wirklich…sie hat das übertrieben. Und sichtlich, als kleines Kind, hat mich diese…wenn es noch so grauslich war, das Zimmer, wo die ganze Familie von den Gärtnern war…es war irgendwie…man ist bestraft worden, wenn man was gemacht hat, und dann war es vergessen. Und bei uns war das grad umgekehrt, dass ich irgendwas angestellt habe, und natürlich ewig Schuldgefühle gehabt habe, weil ich mich selber bestrafen musste. Ich meine, das ist natürlich viel schwieriger. Und die waren auch sehr…eher religiös, irgendwie…ich weiß nicht mehr, das erinnere ich mich nicht so genau, aber ich weiß, dass ich sie, auch darum, irgendwie beneidet habe. Denn da waren Regeln, da war…sie waren nicht unbedingt angenehm, aber es war ein viel geregelterer Haushalt als unserer. Unserer war alles easy-going, und ich weiß, ich habe das als eher negativ empfunden. Ich meine, der große Vorteil war, dass natürlich meine Mutter mich von nichts abgehalten hat. Ich konnte zum Beispiel…ich habe einen ganzen Zoo von Tieren gehabt, bin jeden Tag mit irgendwas Anderem erschienen. [Lacht.] Sie hat nie ein Wort gesagt. Außer wenn ich einmal…wie ich weiße Mäuse gebracht habe, das war ihr zu viel. [Lacht.] Das hat sie nicht erlaubt. Das einzige Mal, dass ich mich erinnere, dass mir was verboten wurde.

 

4/00:23:15

 

PR: Wer hat, außer deinen Eltern, dir, deinem Bruder und dieser Gärtnerfamilie, noch in diesem Haus gelebt? Hat es noch jemanden gegeben, oder…beziehungsweise, die waren im Haus daneben die Gärtner, aber--

 

TJ: --ja, das Nebenhaus, da war der Gärtner und…unten war der Gärtner. Oben waren irgendwelche weitläufigen Verwandten, die ich nicht mochte. Aber ich glaube, das war erst in den spät[en]…das war aber kurz vor Hitler…haben die da gewohnt. Und der Gärtner, das muss ich doch noch schnell dazu… Wie mein Bruder in…da war er noch in Italien, hat aber gewusst, er wird nach Wien geschickt…hat er einen seiner Armee-buddies…hat er geprahlt, und hat gesagt: „Das Erste, was ich machen werde, wenn ich nach Wien komme: ich werde nach Hietzing fahren.“ Und er hat natürlich diese ganze Geschichte…der Paunzenberger war ein großer Nazi, habe ich vergessen zu sagen, und hat uns sehr viel angetan, trotzdem er wirklich jahrelang bei uns…für uns, nicht nur gearbeitet hat, aber…er war ein Nazi. Und besonders…seine Frau noch mehr. Haben uns immer angezeigt und…Aber der Peter hat das gewusst, er war nicht da, aber er hat das gewusst. Er hat also geprahlt, bei einem Freund: „First thing…das Erste, was ich machen werde, wenn ich nach Wien komme, ich werde in die Gloriettegasse fahren, und werde dem Paunzenberger was antun“, oder irgendwas hat er gesagt. Und wie sich das Schicksal manchmal ergibt, der buddy, der andere, ist zuerst nach Wien gekommen – Peter ein paar Tage später – und hat nichts Besseres zu tun gewusst, als in die Gloriettegasse zu gehen, den Herrn Paunzenberger aufzusuchen, und hat ihm gesagt: „Passen Sie auf, jetzt kommt der Peter Epstein, der ist in der amerikanischen Armee, der wird Ihnen was antun“, oder irgendwas. Und in der Nacht ist das Haus abgebrannt. Das Haus war durch die ganze Hitlerzeit…es wurde in Wohnungen geteilt, war so ein großes Haus. Und das ist in der Nacht abgebrannt, und er ist verschwunden…haben ihn nie wiedergefunden. [Lacht.] Weil ich gerade…ich habe gesagt, ich zeige dir das Bild, weil ich habe…ich glaube, ich habe auch ein Bild, wo es ab…wo es eine Ruine ist. Ich schaue nur, ob ich es schnell finde. [Steht auf und sucht das Bild.]

 

4/00:26:07

 

PR: Du hast mir erzählt, dass das Haus dann in Flammen aufgegangen ist, nachdem dieser Kollege von deinem Bruder ihn darauf hingewiesen hat, dass er eventuell in Schwierigkeiten kommen könnte. Kannst du mir über diese Gärtnerfamilie ein bisschen was erzählen? Weil du ja schon angedeutet hast, dass die euch Schwierigkeiten gemacht haben, bevor ihr--

 

TJ: --ja. Das war also eine Gärtnerfamilie: Vater, Mutter und zwei Buben, die solange wir im Haus waren, da im Nebenhaus, das zu dem Besitz dazugehört hat…hatten ein eigenes Haus, sozusagen. Die waren immer schon da, haben Paunzenberger geheißen, und waren…viele Jahre hat der Herr Paunzenberger den Garten und alles gemacht. Ich war sogar mit den beiden Buben sehr befreundet, habe viel mit ihnen gespielt, und kaum, dass der Anschluss war, war fast jeden Tag irgendetwas. Wir wurden…meine Mutter wurde ständig angezeigt. Immer irgendwelche ganz unwirklichen Sachen. Einmal weiß ich, erinnere ich mich ganz genau, dass in unserem Kamin unten…im ersten Stock, oder wie immer das auf Deutsch heißt…main floor von dem Haus, war so ein großer Kamin. Ich glaube, da haben wir schon gewusst, dass wir ausziehen müssen. Das weiß ich nicht so genau. Ich weiß nur, dass meine Mutter Sachen verbrannt hat, in den… Und da ist ein Gestapo-Mann gekommen. Es war nicht Polizei, es war Gestapo, und hat gesagt: „Ja, sie haben…“ Jemand hat sie verständigt, dass kriminelle Dokumente verbrannt werden. „Wieso, woher?“ Und da hat der gesagt: „Die Frau Paunzenberger hat die Anzeige gemacht.“ Es ist nichts Weiteres geschehen, meine Mutter hat ihm gezeigt, was sie da verbrannt hat, vollkommen harmlose Sachen. Und er ist wieder weggegangen. An das erinnere ich mich ganz genau, aber es waren viele, viele Sachen. Die haben immer irgendetwas versucht…uns Schwierigkeiten zu machen.

 

Und dann, mein Bruder war in der amerikanischen Armee, und hat geprahlt, dass der…und er wusste, dass er nach Wien als Besatzungstruppe kommen würde, und hat mit einem Freund darüber gesprochen, und hat gesagt, das Erste was er machen wird, ist eben diese Paunzenberger-Familie…ihnen was antun, oder ich weiß nicht, was er gedroht hat. Und es…irgendwie war das so, dass dann…dass der andere Bursche zuerst nach Wien gekommen ist, und gar nichts Besseres zu tun gehabt hat, als zum Herrn Paunzenberger zu gehen, und ihm zu sagen: „Ja, der Peter Epstein, der ist in der amerikanischen Armee, der kommt…wird in den nächsten Tagen kommen, passen Sie nur auf, der wird…der hat es auf Sie…“, oder irgendwas. Ich weiß die Worte nicht. Unser Haus war damals noch vollko[mmen]…hat den ganzen Krieg überlebt gehabt. Es war allerdings in Wohnungen geteilt, weil natürlich Wohnungsnot war. Aber in der Nacht ist das Haus fast ganz abgebrannt. Und die Paunzenberger-Familie ist verschwunden, und nie wiedergefunden worden. Ich weiß, der Peter hat damals sogar versucht, ausfindig zu machen, aber einfach nie wieder aufgetaucht. Ja, und so ist also…war das Haus weg, und viele Jahre danach wurde dann…hat meine Mutter irgendeine Entschädigung für das Grundstück bekommen. Nicht sehr viel, zu der Zeit. Das war die Gärtnerfamilie.

 

4/00:31:27

 

PR: Hast du Erinnerungen an die Beschlagnahmung des Hauses? Weil du hast das vorhin kurz erwähnt.

 

TJ: Nein. Das ist wieder so ein toter Erinnerungspunkt. Es war sicher nicht von einem Tag zum anderen. Das weiß ich, weil es gab irgendwie Vorbereitungen dafür. Aber was da wirklich war…man hat mich ja von all diesen Sachen ferngehalten, soweit man konnte. Das ist so verschwommen in meiner Erinnerung…ich weiß auch nicht…ich habe irgendwie gewusst, es war für jemanden, für irgendein großes Tier, irgendjemand, der da wohnen hätte sollen. Aber wir sind einfach…ich weiß nicht, wie viel Zeit wir gehabt haben. Aber es war nicht überstürzt. Weil sonst hätten wir ja auch nicht die ganzen Möbel, und all das… Das wurde noch alles sehr vorsichtig verpackt, was ja auch erstaunlich ist. Ich erinnere mich nur, wie es ausgepackt wurde – hier. Dadurch weiß ich das so genau. Die ganze Töpferwerkstatt von meiner Mutter. Sie hat sogar den Brennofen mitgebracht, und die Ziegel, die mit denen man den Brennofen zumacht. Das war alles in Kisten verpackt, das war alles ganz ordentlich, und nicht so, wie wenn man schnell, schnell aus einem Haus heraus muss. Nein, ich erinnere mich an…es muss wahrscheinlich viel traumatischer gewesen sein, als ich es jetzt weiß. Weil ich mich eben…das Nächste das ich mich erinnere ist an diese Pension – Nowak, glaube ich, hat sie geheißen. Weiß nicht mehr, vielleicht irre ich mich. Dass wir da eine Zeit lang gewohnt haben. Wir waren noch den Sommer…den größten Teil vom Sommer waren wir noch in unserem Haus. Ich glaube, dass wir erst im Herbst in die Pension gezogen sind. Auch das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass…ich erinnere mich nur an gewisse Szenen im Sommer. Ich habe zwei Freundinnen bei mir wohnen gehabt, und wir haben, um die Erwachsenen zu erheitern, einen Zirkus, eine Zirkusvorstellung, gemacht. Das war im Sommer, und es war im Freien, und…es ist alles so eigenartig, wenn ich jetzt darüber nachdenke. Dass das alles überhaupt möglich war. Ich meine, wir haben Zirkus…wir haben eine fantastische Zirkusaufführung gemacht, nur um die Erwachsenen zu erheitern. Und es war wirklich sehr gut. Ich weiß, ich habe…damals bin ich doch schon viel geritten, mit meinem Großvater. Wir haben einen Hof gehabt, und da habe ich Hürden aufgestellt, und unser Hund…es war ein Irish setter, ein großer Hund, wir haben zwei gehabt. Aber der eine, den habe ich, wie ein Pferd, über Hürden springen lassen. Mit einer Peitsche, und ich habe einen Zylinder angehabt, und ich weiß nicht, was alles. Die unglaublichsten Sachen haben wir da aufgeführt. Alles nur um die…zur Erheiterung der Erwachsenen. [Lacht.] Aber ich habe zur gleichen Zeit…ich habe schon gewusst, dass da Furchtbares vorgeht. Aber ich war zur gleichen Zeit…ich habe nichts wirklich selber mitgemacht, das ich weiß…oder gesehen. Ich weiß von anderen Leuten, dass sie Leute auf der Straße…Straßen abreiben, und so, gesehen haben. Ich glaube, das kenne ich…weiß ich alles nur von Filmen. Ich erinnere mich nicht, dass ich in dieser Hinsicht… Ich habe irgendwie, sogar in der Zeit, das…Garten, und Tiere…und Leben irgendwie doch auch weitergeführt.

 

4/00:36:22

 

PR: Weil du die Freundinnen erwähnt hast, die da waren, mit denen du gemeinsam den Zirkus aufgezogen hast. Die Freundinnen, an die du dich erinnern kannst, die du gehabt hast, als Kind…stammten die aus jüdischen Familien, stammten die--

 

TJ: --diese zwei Mädeln [Mädchen], das waren die Kinder vom besten Freund meines Vaters. Und mit denen…wir sind wirklich zusammen aufgewachsen. Es gibt Fotos von…die eine, die ältere hat Trude geheißen, die andere hat Gina geheißen, und die kenne ich mein ganzes Leben lang. Die leben in London, die leben beide noch. Und die waren in…die waren ,Mischlinge‘. Ihr Vater war Jude, die Mutter war ,Arierin‘. Und die haben für den…in dem Sommer, nach dem Anschluss, ganz bei uns in Hietzing gewohnt. Ich glaube, die Eltern haben gefunden, dass sie da sicherer…oder wenn irgend…ich weiß nicht, was, aber ich schätze meine Mutter hat sie eingeladen. Und auch ein Cousin von mir hat…ein jüngerer Cousin…war auch da. Wir haben ja viel Platz gehabt, und ich habe sehr wenige Freundinnen gehabt. Ich war ein eigenartiges Kind. Von der Schule kaum. Ja, im Gymnasium habe ich, glaube ich, eine Freundin, oder zwei, gehabt. Aber nicht wirklich intime. Ich habe mich immer schon wohler gefühlt mit älteren Leuten. Und bis heute ist das noch so, dass ich eigentlich…ich fühle mich am wenigsten wohl mit meinen peers, mit meiner…gleichaltrigen Leuten. Ich komme sehr gut mit älteren, und mit viel jüngeren Leuten und Kindern, aus. Aber es war immer so. Dadurch habe ich ja auch in der Schule…auch hier im College…ich meine, ich habe schon ein paar Freunde gehabt, aber wenige, sehr wenige. Auch, dass ich einen viel älteren Mann geheiratet habe, das ist…gehört alles da dazu.

 

PR: Weil du die Schule erwähnt hast…wo warst du in der Volksschule?

 

TJ: Am Hietzinger Platz, gleich neben der Kirche bei Schönb[runn]…da wo der Eingang Schönbrunn ist. Auch mein Bruder…ist auch dort in die Volksschule gegangen.

 

PR: Und du bist danach in die Hauptschule gegangen?

 

TJ: Nein, dann bin ich in die Wenzgasse gegangen, das war…was war es? Realgymnasium? Irgendein Gymnasium.

 

PR: Hast du noch Erinnerungen an dieses Gymnasium?

 

TJ: Oh ja. Ich meine, ich erinnere mich erstens, wie es…es war ganz nah von uns. Ich konnte zu Fuß in die Schule gehen. Ich erinnere mich nur an…kaum an die anderen Kinder, ich erinnere mich an eine Französischlehrerin, die ich sehr bewundert und geliebt habe, und ein paar von meinen Lehrerinnen. Aber die Schule war nie…ich bin immer nur so grad durchgerutscht. Habe nie gerne gelernt, oder auch gut gelernt. Und vor ein paar Jahren hat man mich von der Wenzgasse kontaktiert – die haben ein hundertstes Jubiläum gehabt oder so was – und die wollten, dass ich etwas schreibe. Da hat…jede Klasse hat einen Namen bekommen von früher, also, von Schülern die…sozusagen herausgeworfen wurden. Und irgendwie…ich habe das nicht verfolgt, aber dann…sagt dir der Name Renate Welsh etwas? Eine Schriftstellerin? Egal. Plötzlich eines Tages läutete das Telefon hier, und es war jemand namens Renate Welsh, und die hat gesagt: „Ja, man hat von der…“…die war auch eine Wenzgasse-Schülerin, aber jünger als ich. Und man hat sie gebeten sie soll mich, wenn sie nach New York kommt, kontaktieren. Das hat sie auch gemacht, und hat irgendwas über mich geschrieben, damals. Unter den Dächern von New York – habe ich auch irgendwo. [Lacht.]

 

4:00:41:50

 

PR: Gibt es für dich irgendwelche speziellen Plätze in Wien, die an deine Kindheitserinnerung angeknüpft sind?

 

TJ: Schönbrunn. Ich habe sehr viel Zeit in Schönbrunn, im Zoo, verbracht. Von ganz klein auf. Und ja, da gibt es noch eine ganz schnelle, ganz lustige Geschichte. Im Schönbrunner Park, am Weg zum Zoo, war ein ganz fantastischer Baum: es war eine Trauerbuche. Ein Riesen-Baum. Es war wie ein Haus, besonders noch als kleines Kind ist mir das als… Und ich habe diesen Baum ganz besonders geliebt, und wann immer ich in Schönbrunn war, musste ich also in dieses…der ist weit heruntergehangen. Mein Lieblingsplatz. Und dann, wie ich das erste Mal aus Amerika nach Wien gekommen bin, bin ich der Frau die früher…die Jahre vorher unser companion war, die habe ich also wieder…die hat in Hietzing gelebt. Die habe ich aufgesucht, oft mit ihr beisammen gewesen, und hat mich gefragt: „Was möchtest du denn? Wo möchtest du hingehen?“ Und ich habe sofort gesagt: „Nach Schönbrunn.“ Und wir gehen nach Schönbrunn, und kommen…und ich habe ihr erzählt gehabt, von dem Baum, und: „Ich möchte sehen, ob der Baum noch da ist.“

 

Der Baum war noch da, er war allerdings viel kleiner, als ich ihn in Erinnerung gehabt habe. [Lacht.] Aber zu meinem Entsetzen, war daneben ein Glashaus, ein riesen…das Palmenhaus. Ich sage zu ihr…ich weiß noch…ich habe ihr gesagt: „Was haben sie da Schreckliches zu meinem Baum gebaut?“ [Lacht.] Und sie hat gesagt: „Das war immer da.“ Habe ich gesagt: „Ausgeschlossen!“ Ich erinnere mich so genau an den Baum, ich konnte ihn dir…konnte ihn genau beschreiben, aber da war doch kein Glashaus. In der Erinnerung habe ich einfach nur den Baum mir herausgeholt, und dieses Riesenglashaus, Palmenhaus – das man wirklich nicht übersehen kann –, habe ich einfach vollkommen…es war nicht da…wir haben uns wirklich gestritten, weil sie hat gesagt: „Erzähl mir keine Geschichten, das war immer da. Das ist uralt.“ „Nein, nein, das war nicht da. In der Kindheit war es ganz bestimmt nicht da.“ [Lacht.] Ich war jetzt, wie ich wieder in Wien war, wieder da und habe darüber gelacht, weil ich mir gedacht habe, das ist wirklich komisch, wenn ich dieses Riesenpalmenhaus sehe, dass man das so verdrängen kann, und nur das sehen, was man will. Das ist really alles, was…

 

4/00:45:17

 

PR: Hat es neben Schönbrunn noch irgendwelche Orte, Plätze, gegeben, die du mit deiner Kindheit ganz stark verbindest? Jetzt mit Ausnahme vom elterlichen Haus, natürlich.

 

TJ: Altaussee.

 

PR: Hilfst du mir da, Altaussee…

 

TJ: Wir waren viele Sommer in Altaussee. Da war ich sehr gern, dort.

 

PR: Habt ihr dort ein Haus gehabt oder--

 

TJ: --nein, wir haben immer…war immer irgendwas Gemietetes. Aber da waren viele Freunde von meinen Eltern. Das war noch nicht…bevor die Eltern sich scheiden haben lassen, dass wir so viel am See waren. Da war eine ganze Gesellschaft von Bekannten. Und sonst…ja, [19]37 haben meine Mutter, eine Freundin von ihr, und ich, eine ganz fantastische Reise nach Schweden gemacht. Schweden und Dänemark. Das ist mir noch sehr in Erinnerung geblieben, weil das war, teilweise interessant, teilweise sehr lustig. Denn die Freundin von meiner Mutter hat einen roten kleinen Rennwagen gehabt. Das war so wie jetzt der MG, das hat…damals war es ein englisches Auto, das hat Standard geheißen. Hat nicht viel anders ausgesehen, als heute die kleinen MGs. Meine Mutter, und diese Freundin, Lotte, waren vorne, und es ist ja kein Gepäckraum…ich habe in das Gepäck irgendwie hineingepasst, im Sitz. Es war kein wirklicher Sitz, aber da habe ich irgendwie…und es war eine herrliche Reise. Voller Abenteuer und…eine fantastische Reise. Sind auch nach Dänemark gekommen, und in Schweden diesen Architekten besucht, der unser Haus umgebaut hat. Der war mit einer Schwedin verheiratet. Die haben auch ein herrliches Haus gehabt. Es war ein großes Abenteuer, diese Reise. Da war mein Bruder schon in England.

 

Sonst…die eine Reise, wo ich schon gesagt habe, dass mein Vater so gern…das war aber lange, nachdem sie geschieden waren…hat er einmal meinen Bruder, diese Familie Trebitsch, die beiden Mädel [Mädchen], mit denen ich so befreundet war, und die Mutter von denen…Peter und ich, und mein Vater, ja. Zuerst waren wir in Aussee, und dann sind wir eben auf den Glockner hinaufgefahren, und wir haben also…ich weiß es, wir waren zu…wir waren fünf, glaube ich. Wir haben alle in einem Zimmer geschlafen, während er auf Touren war. Und das ist mir auch sehr in Erinnerung, als eine herrliche Reise und… Was wäre sonst? Ich weiß gar nicht was…oh ja! Wir waren auch in Italien. Ich war mit meiner Mutter einmal in…nicht Lignano…eine italienische Insel auf der jugoslawischen Küste. Ist ja auch egal. Ich weiß genau, wann das war: es war 1934. Weil in irgendeinem Hotel gewohnt, und ich war allein am Strand, und irgendjemand, den meine Mutter gekannt hat, ist zu mir gekommen und hat gesagt: „Lauf schnell, und sag deiner Mutter, der [Engelbert] Dollfuß ist ermordet worden.“ Dadurch weiß ich genau, dass das 1934 war. Im Sommer. Aber das war auch ein schöner Sommeraufenthalt, mit herrlichem Strand, und…die Insel, auf der wir waren, habe ich vergessen. Aber wir waren einige Male in Italien. Mit meinen ganzen zwölfeinhalb Jahren…ich glaube nicht, dass wir je den ganzen Sommer in Wien waren. Das weiß ich nicht mehr.

 

4/00:50:44 [Übergang/Schnitt.]

 

Ende von Teil 4

 

 

Teil 5

 

PR: Wir haben schon vorher ganz kurz darüber geredet, können wir noch einmal auf den…kannst du dich an den Tag des ‚Anschluss’ selber erinnern? An Vorkommnisse, die mit dem ‚Anschluss’ zu tun gehabt haben?

 

TJ: Ja, das ist eben, was in meiner Erinnerung…nicht so sehr verschwommen, als, dass ich nicht weiß, was ich im Film gesehen habe – später. Ich habe keine…ich erinnere mich an die [Kurt] Schuschnigg-Rede. Dass wir gesessen sind, und die Schuschnigg-Rede gehört haben, im Radio. Das ist…das weiß ich. Aber was danach war…keine Ahnung. Ich meine, ich bin in die Schule gegangen, ich weiß nicht mehr für wie lange, aber ich – einige Wochen, glaube ich, war ich schon noch in der Schule. Das einzig Merkbare war, dass man mich gemieden hat, das habe ich schon gemerkt. Aber auch nicht so krass. Ich war auch mit niemanden so intim befreundet, dass es so viel Unterschied gemacht hätte. Es waren auch die Lehrerinnen nicht mehr so nett, wie sie waren. Aber es war nicht…sie waren auch nicht wirklich ekelhaft. Sie waren halt…ich weiß nicht, ich kann…eigentlich erinnere ich mich an das Ganze nicht. Ich weiß, ich habe eine jüdische Freundin im Gymnasium gehabt. Die ist natürlich, genauso wie ich, dann…konnte nicht mehr in die Schule gehen, und mit der war ich dann mehr beisammen, als während der Schulzeit. Die hat auch nicht sehr weit von uns gewohnt. Und ich bin sehr gerne Fahrrad gefahren. Ich bin überall mit dem Rad hingefahren, und…ja, es waren Hakenkreuzfahnen schon. Aber auch…sogar da weiß ich nicht, ob ich es wirklich gesehen habe, oder ob…das ist schwer, wenn man so viel Filme gesehen hat, von den verschiedensten Sachen. Ich meine, ich…von Filmen weiß ich, wie dem Hitler zugejubelt wurde, sicher. Und ich halte es heute noch für möglich, dass ich mir diese ganze Geschichte mit dem Heldenplatz fabriziert habe. Ich habe keine Ahnung. In meiner Erinnerung erscheint es unglaublich stark und klar, hauptsächlich der Lärm…hauptsächlich, was ich gehört habe. Weniger, was ich gesehen habe. Aber, ob das wirklich so war…ich meine, ich weiß jetzt, der Hitler hat gesprochen, und…ich weiß das alles, aber, ob durch all die Jahre…dass ich mir dann selber irgendwie ausgemalt habe, keine Ahnung.

 

PR: Hast du – oder deine Familie – vor dem ,Anschluss‘ jemals Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht?

 

TJ: Tja, ich habe gewusst, du wirst das fragen. Ich glaube nicht. Meine Familie wahrscheinlich in irgendwelchen Formen schon, aber ich war so…ich habe so ein behütetes Leben geführt, und dadurch…ich war gar nicht in Situationen, wo… Komischerweise kann ich mich nicht erinnern. Ich habe gewusst, dass die Gärtnerfamilie so nazistisch war. Ich weiß nicht, was mit den Buben war, mit denen ich wirklich befreundet war. Ob da irgendetwas gegen mich…ich habe nur…ich glaube, ich war nicht mehr…ich glaube, meine Mutter hat mich auch nicht mehr hinübergehen lassen. Wahrscheinlich. Ich meine, das war so von hier bis dahin. [Deutet Entfernung an.] Nicht, dass ich wüsste. Ich glaube, alles was ich weiß, diesbezüglich, habe ich nachher von news reels und so…was man halt schon…erfahren. Aber es war auch nicht, dass ich gar nichts gewusst habe. Ich habe es nur nicht selbst erlebt. Ich habe schon gewusst, dass wir in einer…dass eine Gefahr besteht, dass wir…zum Beispiel, wenn ich für meine Mutter irgendwelche Pakete abgeholt…ich weiß schon nicht mehr, was ich gemacht habe, mit den beiden Hunden. Aber ich wurde geschickt, weil es für mich weniger gefährlich war, als für sie. Das Einzige, was ich mich daran erinnere, ist nur, dass ich so stolz war, dass ich als Erwachsene gesehen wurde, plötzlich.

 

5/00:06:30

 

PR: Um jetzt einen kleinen Sprung zu machen – fragetechnisch. Wir haben uns vorhin…du hast mir ganz kurz erzählt, dass du hier dann am College warst. Kannst du mir nur sagen, ausbildungstechnisch, was du hier gemacht hast? Welche Schulen du besucht hast. Du hast mir erzählt, wo sie sind.

 

TJ: Kommt leider gleich wieder eine Geschichte dazu. Das passiert. [Lacht.] Ich war in der grammar school, ich glaube, angefangen habe ich im sixth grade. Das war auf der 77. Straße. PS 76 wahrscheinlich, weiß ich nicht mehr. Dann sind wir nach Riverdale gezogen, außerhalb. Da war auch eine public school…da bin ich schon übersprungen, da war ich schon im richtigen grade, da war ich im eighth grade, PS 81 in Riverdale. Und dann, wie ich damit fertig war, war die Frage…meine Mutter wollte unbedingt, dass ich in eine Privatschule gehe. Es war, nicht weit von uns in Riverdale, eine sehr gute Privatschule. Und in der Zeit war ich sichtlich…habe ich Anfälle von social consciousness gehabt, und habe mich geweigert, und habe gesagt, ich gehe nicht in eine Schule, wo lauter reiche Kinder sind. Ich will in eine public High School gehen. Und habe das auch durchgesetzt. Und das…ich weiß schon nicht mehr, wie weit – es war sehr weit. Ich wurde irgendwo in der Bronx in eine – es war eine all-girl school. Und ich glaube, ich bin eine Stunde zu Fuß gegangen. Heutzutage natürlich gibt es school buses, damals…das hat es nicht gegeben, und es wäre auch niemandem eingefallen, mich in die Schule zu führen. Bin da einfach allein, durch den Van Cortlandt Park, hinauf in die Bronx irgendwo, und wieder zurück. War keine gute Erfahrung, diese Schule. Und dann…ich war sehr unglücklich da. Und dann wieder, das nächste Jahr…hat es wieder – ja, mein Bruder war in einer Privatschule. In einer sehr progressiven kleinen Schule in der Stadt. Und das zweite Jahr wollte ich…habe ich mich noch immer geweigert, und da wurde ich in die – ach, die hat einen Namen gehabt. Im Nachhinein habe ich erst erfahren, dass das schon damals eine wirklich sehr arge, fast gefährliche Schule war, weil die kids alle sehr rough waren. Das war also co-ed, da waren…nicht nur Mädchenschule, und da musste ich mit der subway…zuerst mit einem Bus, dann mit der subway, und dann…es war auch ein weiter Weg. Und ich habe überhaupt nichts gelernt, in der Zeit. Das war eine vollkommen verlorene Zeit für mich. Ich bin irgendwo in einer Klasse von, ich weiß nicht, 40 Kindern, eben hinten gesessen, wurde von keinem Lehrer überhaupt bemerkt, glaube ich, und bin da irgendwie…ich weiß gar nicht, wie ich da durchgekommen bin.

 

5/00:10:47

 

Aber irgendwo fehlt ein Jahr, mein letztes Jahr…mein letztes High-School-Jahr bin ich dann doch in dieselbe Schule, wie mein Bruder, gegangen. Und das war eben genau das Gegenteil von dem, was ich vorher gehabt habe. Das war eine kleine, sehr progressive Privatschule, hat Walden School geheißen, und man hat die Lehrer mit dem Vornamen genannt, und die Klassen waren…ich glaube, wir waren fünfzehn in einer Klasse, oder so was, also…und ich bin aufgeblüht. Das war das einzige Mal in meinem ganzen Schulleben, glaube ich, dass ich wirklich was gelernt habe, und auch gerne gelernt habe. Habe meine Lehrer auch wirklich gekannt, und die haben sich um mich gekümmert. Also es war…das war so ein unglaublicher Kontrast von… Ich habe sogar…ich war immer sehr schüchtern…wir haben ein school play gehabt, am Ende des Jahres. Ich war nur ein Jahr da, mein senior year. Und das war so, dass die Klasse sich ein Theaterstück ausgedacht hat, und ein Konzept davon gemacht hat, als Gruppe. Haben es den Lehrern übergeben, und die haben beschlossen – also in meiner Klasse – uns sechs Wochen zu geben, nur um dieses Theaterstück zu machen. Ich meine, das kann man nur in so einer Schule. Weil sie gefunden haben, wir würden mehr davon lernen, als…und das war ein sehr social conscious play. Es war nach dem Krieg, es hat sich um eine fremde Gruppe von Menschen, die in eine factory town gekommen sind, die haben die Greenies geheißen, und waren anders, und wurden diskriminiert. Es war alles sehr dramatisch, weil…und dann war ein Feuer in der factory, und die Greenies haben da ungeheuer mitgearbeitet, und am Schluss waren alle happy, nicht mehr diskriminiert, und haben dann gesungen, „all together“, und ich weiß nicht, was. Aber das Erstaunliche für mich war, nicht nur diese ganze Arbeit als Gruppe, und überall mitzutun, und…ich habe eine wichtige Rolle gespielt, ich war nie auf einer stage, war viel zu schüchtern dazu. Und ich war diejenige die am Anfang…opened, also das play…ich war eine landlady, und ich hätte nie gedacht, dass ich so was tun kann. Ist vollkommen tadellos gegangen, weil ich vollkommen at ease war, und…also das war mein letztes High School-Jahr. Da war mein Bruder schon…er war schon im College. Aber diese Schule war etwas Fantastisches.

 

5/00:14:34

 

Ich habe oft daran gedacht, ich hätte nicht so starrköpfig sein sollen. Aber das weiß man nur im Nachhinein. Das waren Anfälle von Gerechtigkeit, und von…es war mir wahrscheinlich schon vorher irgendwann peinlich, auch schon in Wien, dass wir zu wohlhabend waren. Ich meine, es war keine protzige Familie, aber doch, dieses Haus…ich habe das Haus nicht geliebt, ich habe nur den Garten geliebt. Das war so ein Prunkhaus. Aber ist auch eigenartig, dass diese…es ist schon in meiner ganzen Einstellung geblieben, dass ich sozial…ich wollte auch nie reich sein, ich wollte auch nie Geld verdie[nen]…ich meine wirklich… Es war nur…ich habe das Glück gehabt, dass ich nie hungrig war, und nie gar kein Geld gehabt habe. Aber ich habe…es war eine Zeit, wo mein Mann überhaupt kein Geld verdient hat, und das hat mich…war nur ein Ansporn, dass ich es halt gemacht habe. Aber deshalb habe ich auch mit meinem Schmuck nie…ich wollte diesen Ruhm nicht. Und dieses show-off, und all das, ist mir immer schon gegen den Strich gegangen. Dabei war meine Mutter gar nicht irgendwie protzig oder…ich meine, sie war immer sehr gut angezogen, und hat…es hat an nichts gefehlt. Aber beide Eltern – mein Vater noch viel mehr – haben auch immer ungeheuer viel für andere gemacht. Ich meine, Weihnachten bei uns…ich erinnere mich kaum, dass wir Geschenke bekommen haben, aber unser berühmter Ping-Pong-Tisch im Ping-Pong-Zimmer war so hoch mit Geschenken, für alle möglichen. Besonders mein Vater: der hat immer die ganze Welt beschenkt, und hat sich immer um Leute gekümmert, die was gebraucht haben und…es war schon ein Teil meines Lebens. Und vielleicht ist diese Schulgeschichte auch daraus herausgewachsen. Weil mein Bruder hat das gar nicht gehabt. Ich glaube, es hat ihn nicht einen Moment gestört in die private school zu gehen. Aber er hat auch eine bessere education gehabt, als ich. Weil, dass meine so a mess war, war wirklich mein eigenes Tun. Es war nicht, dass ich gezwungen war dazu.

 

PR: Was für eine Rolle hat Bildung, bei euch in der Familie, gespielt? Wie ist Bildung gesehen worden, bei euch in der Familie?

 

TJ: Es war keine sehr intellektuelle Familie. Ich meine, es waren viele Bücher da, aber ich kann…ich versuche, mich zu erinnern, ob ich meine Mutter je gesehen habe beim Buch lesen. Sie hat sicher gelesen. [Lacht.] Aber ich meine, es war nicht wie in anderen Familien, wie ich es jetzt weiß, dass bei Tisch über alle möglichen intellectual Themen diskutiert wurde. Diskutiert ist überhaupt etwas, das hat vielleicht auch mit dem Lärm zu tun. Meine Mutter war sehr still, aber…sie hat nicht sehr laut gesprochen, und…Ich weiß, wie ich nach Amerika…wie ich das erste Mal in jüdischen Familien eingeladen war, wo alle kreuz und quer, laut miteinander…nicht nur gesprochen, sondern diskutiert haben. Ich bin die ersten Male, wie ich das…bin ich richtig zurückgefahren, weil es das bei uns nicht gegeben hat. Es wurde über Sachen gesprochen, es wurde über alles…auch sehr psychologisch, wenn irgendetwas unglücklich war, oder was angestellt, oder…es wurde darüber gesprochen. Aber Diskussionen, glaube ich, nicht. Überhaupt nicht. Erst viel, viel später. Mein zweiter Stiefvater, der war jemand, der blitzgescheit war, und sehr…der war so ein renaissance man. Der hat nicht nur alles gewusst…der hatte eine Korrespondenz mit der ganzen Welt, und hat…der war der einzige Intellektuelle. Aber da war ich schon aus der Fam[ilie]…da war ich schon erwachsen, und nicht viel davon gehabt. Ich meine, ich habe ihn sehr gern gehabt aber…

 

5/00:20:45

 

Es ist komisch, dass ich mich so wenig erinnere. Eigentlich, du fragst über meine Mutter, vielleicht war es, weil sie vier Jahre wirklich nicht da war, wie sie in der Schule war. Weil dann…ich meine, sie ist von der Schule eher spät nach Hause gekommen, wir haben genachtmahlt und sind schlafen gegangen. Ich meine, alles um meine Mutter…Schönheit und Artistik…Kunst hat eine sehr große Rolle gespielt, und alles musste schön sein. Ich meine, für sie…und das habe ich natürlich von ihr übernommen. Es war sehr wichtig, dass vom Essbesteck bis Wohnungseinrichtung alle Details…dass alles good design war, und damit bin ich halt aufgewachsen. Und viel wichtiger als die meisten Bücher, glaube ich, wenn ich jetzt drüber nachdenke. [Lacht.] Die Bücher, an die ich mich erinnere, waren eher art books, photography books…es waren auch viele andere Bücher da, aber…es ist mir auch, so viel ich mich erinnere, nicht vorgelesen worden. Vielleicht als ganz kleines Kind.

 

PR: Du bist das erste Mal nach Wien zurückgekehrt, nach dem Schweiz-Aufenthalt. Wie war das für dich, wieder zurück in Wien zu sein?

 

TJ: Das habe ich schon gesagt: sehr…eher eigenartig. Es war, einerseits…ich habe mich erstaunlich wohl gefühlt, einerseits. Es waren die wenigen Leute, die ich gekannt habe, furchtbar nett, und haben sich wirklich sehr um mich gekümmert, und bemüht, und ich habe alles genossen, was man…Ich meine, ich bin ins Theater gegangen, es war schon viel…es war viel los in Wien. Ich war nur bis zu einem gewissen Grad argwöhnisch. Ganz bewusst. Ob das von Kindheit noch war, oder ob das nachher, hier…ich habe genau gewusst, dass damals noch sehr viele Nazis – frühere Nazis – da waren. Aber ich habe nie das Gefühl gehabt…ich habe auch, während ich in Wien war – also nach dem Krieg –, nie irgendetwas Antisemitisches erlebt. Ich meine, das Wort ,Saujud‘ habe ich schon irgendwann einmal wo gehört, aber hauptsächlich, glaube ich, von irgendwelchen Kindern, oder…aber nicht auf mich gerichtet. Und weißt du, ich war auch…da ich nicht jemand bin, der viel fragt…bin ich gar nicht in Situationen gekommen…Diskussionen, oder so…ich habe mich einfach von alldem ferngehalten. Und muss irgendwo beschlossen haben: „Jetzt bin ich da und…I‘ll make the best of it, und ich werde das Positive genießen.“ Und so war es. Das hat sich dann viel positiver ausgearbeitet, als es…ich war ja viel länger da, als ich gepl[ant]…ich habe geplant ein, zwei Monate dazubleiben, um mich ein bisschen zu derfangen [fangen], bevor ich wieder nach New York zurückkomme. Nein, ich habe wenig…was ich vorher schon gesagt habe, dass ich mich ein bisschen von der Außenwelt abgesondert gefühlt habe, während ich in Wien war. Trotz dem Theater, und all das. Es war für mich irgendwie gemütlich, und zu angenehm, zu… [Lacht.] Es war…ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Es war…wie ich früher gesagt habe: ich bin dann weggegangen, weil ich das Gefühl gehabt habe, ich werde vermodern – das ist ein hässliches Wort. Aber es drückt doch aus, was ich damals empfunden habe. Es hat angefangen mit dieser Klasse, die ich an der Angewandten Kunst…mit diesem Professor. Der war so verstaubt. [Lacht.] Ich hatte das Gefühl, ganz allgemein, dass es irgendwo steckengeblieben ist, und, dass die moderne Welt noch nicht wirklich da war. Was zu einem gewissen Grad wahrscheinlich auch so war. Ich habe es jedenfalls so empfunden. Weil in späteren Jahren, wenn ich dann in Wien war, habe ich das Gefühl gar nicht gehabt – die Stadt hat sich ja ungeheuer verändert. Aber [19]59, das war noch nahe genug am Kriegsende. Ich meine, es war wirklich wenig mehr vom Krieg zu sehen, aber es war doch…es war noch nicht die Großstadt, die es heute ist, oder dann später geworden ist.

 

5/00:28:10

 

PR: Wie würdest du denn heutzutage dein Verhältnis zu Österreich, dein Verhältnis zu Wien, beschreiben, oder umschreiben?

 

TJ: Ja, das ist die ewige Frage von Heimat, oder Heimatsgefühl, oder Zugehörigkeit, und…ich fühle mich wohl, wenn ich jetzt in Wien bin. Es ist vieles, das mir sehr gefällt. Aber ich glaube nicht, dass ich da leben möchte. Und ich fühle mich, wenn ich in…irgendwie, wenn ich in Wien bin, bin ich die Amerikanerin. Ich! Trotzdem ich tadellos Deutsch spreche, und eigentlich kaum…ich habe im Deutschen weniger accent, als im Englischen jetzt. Ich fühle mich nicht zuhause. Ich fühle mich…es ist familiär, es ist…ich habe jetzt,…viele Menschen, die ich wirklich…ich habe mehr Menschen in Wien, die ich kenne, als hier – momentan. Weil hier sind die meisten ausgestorben. [Lacht.] Das macht natürlich einen großen Unterschied. Und ich werde sicher wieder, wenn ich…solange ich noch kann, sicher wieder nach Wien fahren. Aber wegen der Menschen, die ich kenne. Ich bin allerdings alle die Jahre natürlich auch nach Wien gefahren, weil meine Freundin da gelebt hat, und wir wirklich…so verschieden, wir waren ungeheuer…uns so gut verstanden haben, und so viel zusammen unternommen haben, Reisen gemacht haben. Die hat einen Schrebergarten gehabt, und…viele schöne Zeiten da verbracht.

 

PR: Du hast das vorhin eh ganz kurz angesprochen, und ich würde gerne noch einmal ein bisschen in diese Richtung gehen. Nämlich in die Richtung der Frage der Identität, und als was du dich selber jetzt eigentlich irgendwie verstehst, und fühlst, und siehst?

 

TJ: Als Zwittergestalt. Als…das war immer so. Das, glaube ich, war…hat sich eigentlich durch mein ganzes Leben…seit ich in Amerika bin. Ich habe nie ganz hierher gehört, und ich habe auch nie ganz nach Wien gehört. Und was mich ungeheuer anzieht an – nicht nur Wien, sondern Europa –, sind die Berge und die Natur. Das geht mir wirklich ab. Landschaft, Bergblumen. Ich bin auch sehr viel in Amerika herumgereist, und ich liebe durch…the Southwest, also…das ist wieder so anders als die europäische Landschaft. Und ich liebe das auch. Aber es ist irgendetwas – an der Berglandschaft, an Bergwiesen, und alles das – das wahrscheinlich auf die Kindheit zurückgeht, und mich dadurch sehr anspricht. Und bis…es ist noch nicht so lange her, dass ich so viele Leute in Wien kenne, teilweise durch den Stammtisch. Aber zu Zeiten, wie ich nicht so viele Leute in Wien gehabt habe, war ich wirklich immer gerne da, wegen Wienerwald, oder wo immer…was immer man…Salzkammergut. Ich war auch öfters…ich habe eine Bekannte in Ellmau, in Bayern, die…ganz herrliche Landschaft…eine Keramikerin…die wohnt da ganz hoch oben. Da war ich sehr oft, und restlos glücklich, dort auf den Wiesen und Bergen herumzuwandern – auch ganz allein. Weil das geht mir ab. Das ist auch ein Grund, dass ich viele Jahre im Sommer in Europa war, weil es immer die Landschaft war. Und die wenigen Leute die ich gern habe, und sehen wollte, und…aber mein…um zurückzugehen, womit ich angefangen habe. Um…weg ist der Gedanke. Bin ja doch eine alte Dame. [Lacht.] Verdammt noch einmal. Ja, wenn es weg ist, ist es weg. Es kann nicht sehr wichtig gewesen sein. Kommt nicht mehr. Um Mitternacht. [Lacht.]

 

5/00:34:39

 

PR: Mitternacht. Zum Stammtisch wollte ich dich ja auch noch einmal befragen, weil wir uns ja auch über den Stammtisch kennengelernt haben. Beziehungsweise über den Gedenkdiener, der zum Stammtisch gekommen ist, regelmäßig. Den Stammtisch gibt es ja schon seit längerer Zeit. Das ist ein Emigrantenstammtisch?

 

TJ: Den Stammtisch gibt es seit 1942, und wurde von zwei Emigranten – ein jüdischer und ein nicht-jüdischer – gegründet. Von Oskar Maria Graf und Harry Asher…George Asher hat der eigentlich geheißen. Erstaunlicherweise hat sich durch all die Jahre…war immer an einem Mittwoch, und mit ganz…ich glaube, mit ganz wenigen Unterbrechungen haben sie sich…es hat angefangen in verschiedenen Restaurants, dann in verschiedensten Wohnungen, und am Anfang war es sehr anders, als es jetzt ist – von was ich höre, ich war nicht dabei. Es war viel politischer, es war auch mehr…Oskar Maria Graf hat von seinen Büchern, und Gedichten, und was, vorgelesen. Es war auch sehr politisch, es waren sehr angeregte politische Diskussionen. Weil es waren die meisten…besonders die Männer…waren politisch sehr engagiert. Alle, soviel ich weiß, eher links…ich würde sagen alle. Durch die Jahre sind natürlich viele von den…nicht nur den [unklar]…die Leute, die den Stammtisch gegründet haben…der Graf ist vor vielen Jahren gestorben. Harry Asher, den habe ich sehr gut gekannt, der war derjenige, der mich zum Stammtisch…auch nach dem Tod meines Mannes…mich gezwungen hat, einmal mit ihm mitzukommen, weil ich wollte nicht. [Lacht.] Und es ist eine erstaunliche Institution…das ist kein deutsches Wort. Es ist was ganz…jetzt ist es seit Jahren bei Gabi Glückselig, in ihrer winzigen Wohnung. Es ist jeden Mittwoch, und es ist immer da, und es ist kein Programm. In früheren Jahren wurde viel mehr vorgelesen, und eben ein bestimmtes…Diskussion über ein bestimmtes Thema. Das ist weitgehend weggefallen, weil die Gabi, die auch nicht…die jetzt schon recht alt ist, sich einfach nicht darum kümmert. Sie ist die Gastgeberin, und was immer so vorgeht, passiert halt. Für mich ist es aus zwei Gründen wichtig. Das Allererste ist, dass es wirklich, wie eine zweite Familie ist. Dass irgendein…ich habe vorher nie zu irgendeiner Gruppe dazu…Teil einer Gruppe gewesen. Das hat mich nie sehr interessiert. Aber da ist eine Gruppe von Menschen, die…wir treffen uns jeden Mittwoch. In früheren Jahren sind wir auch sehr oft auf Konzerte, Theater, in alles Mögliche…außerhalb vom Stammtisch haben wir uns gesehen. Jetzt weniger, das hat wahrscheinlich mit dem Alter zu tun. Da es ein open house ist, ist immer dieses Überraschungselement da. Dass man nie weiß, wer kommen wird, oder auch wer nicht kommen wird. Und, dass erstaunlicherweise, immer, wenn man glaubt, das wird nur langweilig sein…dann irgendwie schneit jemand herein, unerwartet, oder irgendetwas passiert. Und es ist selten langweilig. Es gibt Abende, wo es nicht besonders aufregend, oder inspirierend ist, aber es ist nie fad.

 

5/00:40:00

 

Die Gabi ist ein wirkliches Wunder, denn, wenn man sie anschaut, glaubt man sie wird im nächsten Moment einschlafen, oder überhaupt zusammenklappen. Und dabei kommt dann plötzlich…mitten im Laufe des Abends kommt eine vollkommen klare Frage, oder Diskussion, oder…von ihr. Ich finde, sie ist ein ganz unglaublicher Mensch. Ich kenne keinen anderen Menschen, der so bescheiden, und so…ja, bescheiden ist das einzige Wort. Sie hat, glaube ich, in ihrem ganzen Leben nie etwas verlangt von jemandem, oder…und sie ist ein ganz besonderer Mensch. Und man trifft ganz besondere Menschen bei dem Stammtisch. Ich habe nicht unbedingt mit…sehr vielen, von den Leuten, die nur so einmal kommen, hat man natürlich nicht viel Kontakt. Aber ich habe erstaunlich viele, wirkliche Freundschaften durch den Stammtisch, die weiter bleiben, und Leute, mit denen ich weiter in Kontakt bin, trotzdem sie nicht mehr da sind, und die auch immer wieder…das ist auch etwas, das so schön ist. Es kommen alle…irgendwie erscheinen sie dann plötzlich wieder. Man hat so nie das Gefühl, dass wenn jemand weg…also zurückfährt, wo immer sie herkommen, dass man sie nie wiedersehen wird. Alles kommt irgendwann wieder, und auch die von den Gedenkdienern. Fast alle sind irgendwann wieder erschienen. Nicht immer für sehr lang, aber…und seit es E-Mail gibt, ist natürlich der Kontakt auch viel einfacher. Es ist was ganz Besonderes. Und ich verstehe jetzt vollkommen, dass der Harry Asher, wie ich ihm…der war oft bei mir und meinem Mann zum Essen, ist er herg[ekommen]…nachdem seine Frau gestorben ist, haben wir ihn sehr oft zum Essen eingeladen. Er hat immer gesagt: „Jeden Tag, nur Mittwoch nicht.“ Weil es wäre ihm gar nicht…er hat einfach nichts angenommen am Mittwoch, weil Mittwoch war Stammtisch. Und es geht weiter so.

 

PR: Was für Bedenken hast du am Anfang gehabt, dem Stammtisch gegenüber? Weil du gesagt hast, das war dir nicht so--

 

TJ: --Bedenken…hauptsächlich, weil ich eigentlich ein schüchterner Mensch bin, und der Gedanke da in eine Gruppe von fremden Leuten zu kommen, mir nicht sehr angenehm war. Und auch…ich habe nie zu…ich war nie ein joiner. Ich meine, es gibt unzählige Sachen, wo man dazugehören kann, ob…von Synagoge bis irgendwelche Clubs, und organizations. Ich habe das…das hat mich nie gelockt. Und genauso habe ich mir gedacht: „Ach, was werde ich da…werde mich da nicht wohlfühlen.“ Ich muss gestehen, dass ich am Anfang auch mit dem…da war es auch noch recht politisch…dass ich sehr oft nicht mittun konnte, weil ich einfach zu wenig gewusst habe, und zu uninformiert war. Aber ich habe auch viel gelernt. Und es hat mir nie leid getan, dass ich da…es ist ein wirklicher wichtiger Teil meines…ich sehe es wirklich als second family an. Es ist ein komisches…es sind eigenartige Beziehungen, weil die Beziehungen…einerseits trifft man sich jede Woche. Wenn ich sage, second family, stimmt das auch nicht ganz, denn die Verbindungen zwischen uns…wenn jemandem was fehlen würde, oder irgendein wirkliches Problem wäre, wären sie bestimmt da. Aber es sind…es ist nicht so, dass man sehr eng verbunden ist. Aber es ist irgendein Faden da, der das halt zusammenhält. Und man ist auch, selbstverständlich, nicht mit jedem gleich gut. Das ist selbstverständlich. Man macht sich manchmal lustig über jemanden, oder mag jemanden nicht, aber das macht alles nichts.

 

5/00:45:54

 

Ich glaube auch, dass es nicht wie eine Party ist. Es ist nicht so, dass man sich ansagen muss, und sagt: „Ich möchte…ich komme oder ich komme nicht.“ Es ist so…steady, es ist so wie ein großer alter Baum, der immer da ist und wartet. [Lacht.] Es hat etwas sehr, sehr Stabiles – das ist das Wort das ich gesucht habe. Und das ist etwas, das sehr angenehm ist. Ich glaube, wenn ich immer anrufen, und sagen müsste, ich komme oder ich komme nicht, würde ich viel weniger kommen. Es ist auch dieses Gefühl, man kann einfach erscheinen, und ich glaube, das ist – für mich jedenfalls – eine Attraktion. Das heißt nicht, dass ich nicht mit der Gabi telefoniere und…aber… Man muss keine Entschuldigung mitbringen, wenn man nicht kommt. [Lacht.] Es ist viel über den Stammtisch geschrieben worden, aber irgendwie eine wirkliche Geschichte, glaube ich, gibt es gar nicht. Weil immer nur so kleine Vignetten geschrieben wurden. Auch nicht zur Zeit, wo das eben noch viel größer und lebendiger war. Das ist jetzt gewissermaßen stiller, und…was mir nur angenehm ist. Aber es…auch, wenn es mir noch schwer fällt hinzukommen, weil ich…das ist auch mein Arbeitstag, der Mittwoch…ich raffe mich doch immer wieder auf, und gehe. Es ist…nicht, weil ich gezwungen werde, sondern weil ich gehen will.

 

PR: Gibt es etwas, das ich vergessen habe, dich zu fragen? Irgendwas, das du ergänzen möchtest?

 

TJ: Ich glaube, eigentlich nicht…habe wahnsinnig viel gesprochen. [Lacht.]

 

PR: Du hast vorhin noch, als wir kurz draußen waren, zwei Dinge angemerkt, von denen ich dir gesagt habe, dass es vielleicht ganz gut wäre, sie am Ende des Interviews noch mal zu erwähnen. Und zwar hast du über den Namen deiner Mutter – ‚Mauku’ – gesprochen.

 

TJ: Ah, die ‚Mauku’. Ja, wir waren eine sehr moderne Familie, und mein Vater war immer der Felix, und…ich weiß nicht was…ich glaube, wir haben meine Mutter…das erinnere ich mich nicht, was vorher war. Aber, ich glaube, ich war nicht mehr als vier oder fünf Jahre alt…mein Bruder konnte schon Skilaufen, und wir sind im Winter nach Kitzbühel gefahren, und die Idee war, dass ich Skilaufen lerne. Und ich habe das einmal versucht, und das hat mir gar nicht gefallen. Ich habe mich nicht gefreut, ich wollte nicht…es war vielleicht auch schon damals, dass mein Bruder schon so gut Ski gelaufen ist, dass ich es gar nicht probieren wollte. Ich habe allerdings später doch gelernt. Aber ich habe einen Stall entdeckt, und da ich mich schon als kleines Kind…Tiere so gerngehabt habe…da war ein Kuhstall. Und da war eine sehr freundliche Kuh, und eine kleine Katze, und ich war von dort nicht wegzukriegen, und so hat man einfach…anstatt, dass ich Ski gelaufen bin, hat man mich beim Stall abgesetzt. Da war irgendein Knecht, oder irgendjemand, der sich…der doch geschaut hat, was mit mir ist. Ich war restlos glücklich da den Tag zu verbringen. Und auf der…nach Hause, im Zug, auf dem Weg zurück nach Wien…ich habe schon vorher sehr, sehr geweint, weil ich vom Stall nicht wegwollte, und das hat mir so gut gefallen. Ich weiß das nur aus Erzählungen, aber ich soll…im Zug nach Wien, habe ich plötzlich meine Mutter um den Hals umarmt, und habe weinend, schluchzend gesagt: „Und von nun an wirst du meine Miaukuh sein.“ Wegen der Katze und der Kuh. Und aus Miaukuh wurde Mauku: M-A-U-K-U. Und dieser Name ist einfach ihr Name geworden. Mein Bruder und ich haben sie Mauku genannt, alle unsere Freunde haben sie Mauku genannt. Sie hat…vor der Emigration hat sie ein kleines Büchlein herausgebracht, mit der Idee in Amerika mit der Keramik etwas zu tun, und das hat sie Mauku‘s Pots and Plants genannt. Sie war die Mauku. Und das ist bis zum Ende ihres Lebens geblieben. Ihren Namen, dass sie Anna oder Anni geheißen hat, ist irgendwie nur auf Dokumenten erschienen. Aber wer immer sie halt gekannt hat, war sie die Mauku. Das war die Mauku-Geschichte.

 

5/00:52:24

 

PR: Du hast mir vorher noch ergänzend erzählt…zu dem Geschäft, dem Lampengeschäft, das sie hier gehabt hat…dass das mehr oder weniger eine ganz, ganz spezifische Gruppe von Leuten beschäftigt hat, dort.

 

TJ: Ja. Das war ein ganz…das hat ganz klein angefangen. Es war ein…hatte einen kleinen Geschäftsraum…ein Stockwerk in einem Geschäftshaus gehabt, zuerst…und da war so ein show room, und dahinter war ein Arbeitszimmer. Und in dem Arbeitszimmer waren, ich glaube, eine Cousine von meiner Mutter, und einige andere Frauen, die  keine Arbeit hatten, und die da die verschiedensten Sachen gemacht haben. Die haben sich das dann weiter…wie es dann mehr gewachsen ist…haben sie sich spezialisiert. Die eine hat diese Stäbchenlampenschirme gemacht, und die andere hat, ich weiß nicht was…jeder hat seinen Job gehabt. Und mein Stiefvater – der keine Arbeit als Anwalt hatte – hat das Elektrische, und die ganzen Monta[gen]…das alles montiert. Das hat er irgendwie gelernt, und meine Mutter hat…war dann Designer, Einkäufer von Materialien, und Verkäufer, und alles andere. Die Kundschaften am Anfang waren auch Emigranten – Freunde –, und dann sind noch Architekten dazugekommen, und dann hat sie mit irgendeinem Geschäft auch irgendeine Verbindung gehabt.

 

Dann ist sie – ich weiß nicht mehr genau in welchem Jahr, aber sehr früh nach Kriegsende – nach Wien gefahren. Genau was der Grund damals war, weiß ich gar nicht, aber sie war in Wien, und hat dort den Carl Auböck entdeckt, der schon bekannt war, aber eigentlich mit seinen wunderschönen Sachen nicht sehr viel Erfolg gehabt hat. Oder noch nicht. Und sie hat mit ihm vereinbart, dass…hat seine Sachen importiert, und hat dann hier die Auböck-Sachen mit den Lampen…das war so Zubehör, von Aschenbecher bis Zeitungsständer, und lauter solche…und alles, was der Carl Auböck gemacht hat, war ganz besonders schön und ungewöhnlich. Der hat ein besonderes Gefühl für Materialien gehabt. Der hat aus Leder Sachen gemacht, und aus Messing, und aus allem. Die waren auch sehr befreundet, dann, weil das ja jahrelang gegangen ist. Und das Geschäft ist sehr gut gegangen, und dann in ein viel größeres und…Straßengeschäft…nein, es war nie ein Straßengeschäft, aber es war auf der…es war im ersten Stock. Aber es war ein show window, auf die Madison Avenue hinaus auf der 63. Straße. Es hat Plusstudio geheißen. P-L-U-S. Und das war, besonders während der Kriegsjahre, sehr erfolgreich. Und dann, nach dem Krieg hat es wieder…hat es schon modernere Lampen in…mass-produced gegeben, und dann ist das langsam eher bergab gegangen, weil das war ja alles…es waren nicht wirklich Einzelstücke, aber doch…es war sehr viel Handgemachtes daran. Zu der Zeit, wie sie das studio begonnen hat, gab es hier keine modernen Lampen. Man konnte nur…alles war so mit Seiden…es waren so Seidenlampenschirme, altmodische, und es war nichts wirklich Modernes, und die Lampen, die sie verkauft hat, waren ganz was Besonderes.

 

5/00:57:34

 

Ich weiß jetzt nicht genau, wie lange es…ich glaube, es war bis…dann ist mein Stiefvater erkrankt, und wir haben in Riverdale, außerhalb gewohnt, und es war auch für sie zu schwer, in der Stadt zu sein, und auch meinen Stiefvater zu pflegen. Es ist irgendwann…ich versuche mich zu erinnern, in welchem Jahr das war. Ich würde sagen, Anfang oder Mitte der [19]50er-Jahre ist es zugrunde gegangen. Sie hat es aufgegeben. Hat aber dann weiter…dann wurde sie ein interior decorator, ein…sie hat dann Innendekoration gemacht, und hat weiter noch…auch mit den Lampen. Aber es war kein Geschäft mehr. Das Geschäft war aus.

 

PR: Du hast mir vorhin erzählt, dass die Leute, die in dem Geschäft gearbeitet haben, fast ausschließlich Emigranten waren--

 

TJ: --waren alles Emigranten. Alle.

 

PR: Bis zum Ende, oder war das--

 

TJ: --ja. Das hat sich nie geändert. Das war…die haben jahrelang…das war auch ein bisschen wie ein Stammtisch. Es war so eine…wirklich…es war so ein Gemisch von Geld verdienen, und auch social…ich meine, die sind gesessen, und haben gearbeitet, haben sich aber auch unterhalten dabei, und dann besonders zu Mittag hat jeder immer etwas Besonderes [mit]gebracht, und das wurde herumgereicht und geteilt, und…Mittagspause war sehr social. Und ich glaube es waren…dass ich mich erinnere…waren es vier Frauen, und mein Stiefvater. Ich glaube nicht, dass je irgendjemand von außen…es ist so geblieben, bis zum Ende.

 

PR: Das waren alles Leute mit österreichischem Hintergrund?

 

TJ: Ja. Das eine war eine Cousine von meiner Mutter, dann war eine Freundin, die allerdings nur im Winter da war, weil sie im Sommer mit ihrem Mann in Vermont ein kleines guesthouse gehabt haben, und – da wo ich auch sehr oft und sehr gerne war. Die war nur ein paar…nur Teil des Jahres da, die Gerti. Und dann war noch eine Frau…Beckstein…weiß den Namen nicht mehr, ist ja auch vollkommen egal. Ja, sonst war das…und manche Sachen…ich bin öfters eingespannt worden. Meine Mutter hat alle die Bestandteile immer abholen müssen. Das war ja kein großer Betrieb, es war ein relativ kleiner Betrieb. Man konnte die Sachen nicht bestellen. Und ich weiß, eine Zeit lang…da war ich schon ein Tick mehr als Teenager, da war ich schon…aber da waren immer…und zwar musste ich öfters mit ihr mit, weil sie was abholen musste. Wir haben ein Auto gehabt, weil wir in Riverdale gewohnt haben. Und man konnte schon damals nirgends parken. Und dann wurde ich mitgenommen, dass ich im Auto sitze, während sie irgendwelche Sachen, Bestandteile und so, abgeholt hat.

 

5/01:01:53 [Übergang/Schnitt.]

 

Ja, ich habe das natürlich zu der Zeit gar nicht so appreciated, aber, wenn ich jetzt so zurückschaue…weil ich habe immer gewusst, meine Mutter war ein erstaunlicher Mensch, aber was die alles gemacht hat. Und am Schluss, gegen Ende ihres Lebens, hat sie gemalt. Bilder ohne Pinsel hat sie…die hat immer irgendetwas Artistisches gemacht. Aber die Meerespflanzen, das war wirklich ihre Erfindung, und das ist mir unvergesslich, diese…ich glaube, ich habe noch immer welche irgendwo hier. Die Quantitäten, die wir in dem Sommer…das war natürlich ein Familienprojekt, nachdem die Eleonor Roosevelt das gekauft hat. [Lacht.] Und viele Jahre danach hat meine Mutter herausgefunden, dass diese ganz frühen Lampenschirme, die sie gemacht hat, dass der Lack…sie hat ja keine Ahnung, das war ja alles Experiment…dass sich der Lack irgendwie abgelöst hat. Da hat sie einen ähnlichen Schirm…oder vielleicht kopiert, das weiß ich nicht…einen anderen gemacht, und hat ihn an die Eleonor Roosevelt geschickt, ins White House. Mit einem Brief, dass sie fürchtet, dass der Schirm, den sie in La Jolla gekauft hat…dass der Lack nicht gut war, oder irgendetwas, und das ist…und hat einen sehr netten Dankesbrief zurückbekommen. „Oh very nice”, and, „How much I enjoyed your lampshade.” [Lacht.]

 

PR: Hast du diesen Brief noch?

 

TJ: Wahrscheinlich. Es ist irgendwo ein Brief, is it upstairs…es waren zwei Briefe. Der eine war von der Eleonor unterschrieben, und dann war einer, glaube ich, von ihrer Sekretärin, wo sie schreibt, „For Mrs.…Mrs. Roosevelt asked me“, oder irgendetwas. Ich glaube, der erste…ich sollte ja anfangen auszuräumen, da wird sich alles Mögliche finden. Wahnsinnig viel Zeug hier. Weil ich habe alles, wie ich die Wohnung von meiner Mutter ausgeräumt habe…die war auch jemand, die nie was weggeworfen hat…leider, auch so wie ich. Es war ein großer Job. Aber da mein Bruder so gar nicht interessiert war, habe ich einfach alle diese Sachen hergenommen, und sie nie wirklich alle durchgeschaut, weil das mir einfach dann zu viel geworden ist. Aber ich hatte schon damals das Gefühl, ich kann das nicht, ich muss das aufheben und…

 

PR: Gut, dann herzlichen Dank für das lange und ausführliche Interview…dass du dir die Zeit genommen hast dafür.

 

TJ: War auch für mich gut, weil man sich an alle möglichen Sachen erinnert, die man sonst irgendwo weit hinten im Gedächtnis hat, und die zumeist nicht zum Vorschein kommen.

 

PR: Danke.

 

5/01:06:24

 

 

Ende des Interviews.

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Jeremias mit Urgroßvater Gottlieb und Bruder Peter, Wien 1927.
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Jeremias Eltern, ungefähr 40-jährig, in Wien.
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Heimatschein von Trudy Jeremias (geb. Trude Epstein), 1937.
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Wohnhaus der Familie Epstein in Wien vor dem ‚Anschluss’.
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Ehemaliges Wohnhaus der Familie Epstein in Wien nach 1945.
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Schreiben von E. Roosevelt an Jeremias' Mutter, Dezember 1939.
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Jeremias mit ihrem Pferd „Easy Does It“, New York, ca. 1942.
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Jeremias an der Eröffnung des Musikhauses Dreiviertel, Wien 1959.
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Jeremias und ihr Mann Gerry in den Hamptons, undatiert.
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Jeremias in ihrem Atelier in New York, ca. 2007.